Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Junge Chefs

Die neuen Chefs gehören zur Generation Y und sind mit Internet aufgewachsen. Da sieht man plötzlich ganz schön alt aus. Es sei denn – man macht es wie York Pijahn!

Veröffentlicht am 23.11.2017

Generation Wickie-Dose.


Ich komme in den Konferenzraum, und da sitzt sie: Kirsten, meine neue Chefin. Blond, Pferdeschwanz, Rolli. Aber vor allem: 27. Neben ihr ist jeder andere im Raum alt. Und ich bin mit 41 sogar der Älteste. Als ich Abi gemacht habe, hat Kirsten Nutellabrote aus einer „Wickie der Wikinger“-Dose gegessen, geht es mir durch den Kopf. In Wahrheit hatte sie wahrscheinlich neben ihrer „Wickie“-Dose bereits ihren ersten Computer stehen. Und drei Jahre später einen Online-Nutellabrot-Versand für Mitteleuropa gegründet. Kirsten ist Teil der Generation Y, die zur Jahrtausendwende ein Teenager war und mit Internet aufgewachsen ist. So wie ich mit „Falcon Crest“ und Kirsch-Bananen-Saft. Sie ist die Zukunft, ich bin im Eimer. Sie hat Ahnung, ich habe Angst. Uns trennen nicht anderthalb Meter Konferenztisch, sondern gleich mehrere Kapitel im Geschichtsbuch. Aua.

Dass ich bei der Arbeit irgendwann zu den Älteren gehören würde, war mir natürlich klar. Aber ich hatte das eher mit 60 erwartet und insgeheim geplant, mich die letzten fünf Jahre bis zur Rente, wenn ich mein Pulver verballert habe, hinterm Bürokopierer zu verstecken. Jetzt hat es mich schon mit 41 erwischt. Nach acht Wochen mit der neuen ­Chefin haben sich drei Strategien herauskristallisiert, wie man mit jüngeren Vorgesetzten umgehen kann. Nummer 1: Entspannt die Tatsache genießen, dass man viel Arbeitserfahrung hat, ohne das permanent rausbaumeln zu lassen. Klappt bei mir nicht. Dafür fehlt es mir an Selbstbewusstsein. Nummer 2: Genervt die Tatsache unterstreichen, dass man viel Arbeitserfahrung hat, und das unheimlich rausbaumeln lassen. Klappt bei mir nicht. Dafür bin ich zu gefallsüchtig. Bleibt Nummer 3: Die Tatsache, dass man älter ist, leugnen und Geschichten erfinden, die die eigene Jugendlichkeit dokumentieren sollen. Bloß nicht beim Altsein erwischt werden.

Bingo. Ist genau mein Ding. Ich habe mir als Erstes ein Tablet gekauft. Ich benutze das Teil de facto nie, sondern trage es mit mir herum, damit alle sehen, dass ich auch in Zukunft mitspielen darf. Ich liebe übrigens das schmatzende „Schlickedick“-Geräusch, wenn man die Faltabdeckung auf- und zuklappt, ich mache das Ding immer auf und zu, wenn ich in an Kirstens Büro vorbeikomme. Das Tablet ist Teil meines neuen Gesamtlooks. Ich trage jetzt Kapuzenpullis statt Hemden unterm Sakko, um eine Stefan-Raab-hafte Schabernackbereitschaft abzustrahlen. Plus: Ich beginne in Konferenzen Sätze quasi nur noch mit „Mir ist gestern beim Laufen eingefallen …“, wodurch allen klar wird, dass dieser Körper ein altersloses Kraftwerk ist. Außerdem verwende ich neue englische Wörter, meine Lieblingsformulierung: „Leute, wir brauchen ein Echtzeit-Social-Media-Monitoring-Tool.“ Pro­bie­ren Sie diesen Satz mal aus. Er passt eigentlich immer und verbreitet so eine polarkalte Angst davor, nachzufragen, was damit genau gemeint ist.

Ich genieße diese Momente wie ein Wannenbad und habe das Gefühl, von Kirsten ein anerkennendes Nicken zu bekommen. Kurz: Es läuft. Um die Generationslücke zwischen Kirsten und mir zuzuspachteln, habe ich ihr eine Freundschaftsanfrage auf Facebook geschickt. Keine Antwort. Worauf ich meiner Freundin gemailt habe, ob das vielleicht eine Spur zu schleimig gewesen sein könnte. An ihrer Antwort verlinkte sie eine Studie des Socialbakers Institute, der zufolge Facebook vor allem bei Leuten zwischen 35 und 40 beliebt sei. Darunter der Satz: „Deine Chefin findet das bestimmt niedlich. PS: … und natürlich unfassbar retro.“ Aua.