Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Kommunikation per Klebezettel

Weil sie wenig Zeit haben, kommunizieren unser Autor und seine Freundin mit Post-its. Klingt nach regem Austausch und romantischen Botschaften – geht aber auch schnell mal schief.

Veröffentlicht am 30.06.2017
Mann unter Berg von Post-its.


Als ich vor zwei Jahren mit meiner Freundin zusammenzog, habe ich mir vorgestellt, dass wir eine alte Schultafel aufhängen und uns mit Kreide Botschaften hinterlassen, aus denen die Verliebtheit triefen würde wie Wasser aus einem Schwamm. Ich sah mich nach Hause kommen und pastellfarbene Nachrichten lesen wie diese: „York, Du Champagnersupernova unter den Männern, die Jahre ohne Dich waren sinnlos und leer.“ Oder: „York, ich habe Dir Steaks gebraten, eine Auswahl Clint-Eastwood-Western für dich ausgeliehen, genieß es! PS: Bier ist im Kühlschrank!“

Die Tafel haben wir nie angeschafft. Stattdessen stehe ich in unserem winzigen Bad und blicke auf den gelben Klebezettel, den meine Freundin auf mein Badetuch geklebt hat. „Stinkt!“ Ich habe das Handtuch nach dem Waschen zu lange in der Maschine gelassen; es riecht tatsächlich nicht nach Schweizer Frühlingswiese, sondern nach Herbstlagerfeuer. Ich nehme den Block mit den Post-its, der neben meiner Zahnbürste liegt und pappe ein „Heul doch!“ neben den Zettel meiner Freundin. Irgendwas in mir beginnt angriffslustig zu knurren. Es geht doch nichts über ein bisschen Streit am Morgen.

Wir kommunizieren per Klebezettel. Denn: Sie arbeitet schon früh am Morgen, ich fange erst mittags an. Sie kommt nachmittags nach Hause, ich abends. Wir wringen die Tage aus, füllen jede Lücke mit irgendeinem Job, irgendeiner Aufgabe, Handy am Ohr, Laptop auf dem Schoß, auf dem Weg zum Sport, ins Büro, in den Supermarkt. „Wir sind ziemlich busy“, sage ich. „Ihr seid bekloppt“, sagt meine Mutter am Telefon.

1,2 Millionen Post-it-Zettel werden täglich weltweit beschrieben. Gefühlt die Hälfte davon hängt in unserer Wohnung, weshalb es bei uns aussieht, als wäre ein Stand mit FDP-Werbeflyern explodiert. Die Post-its sind unser dritter Versuch, uns tagsüber auszutauschen. In Phase 1 haben wir uns per Handy bei der Arbeit angerufen, was dazu geführt hat, dass wir nur noch im gedämpften Bürostimmen-Murmel-modus miteinander geredet haben.

In Phase 2 haben wir uns SMS geschrieben. Zu kompliziert, Tasten zu klein, außerdem hat meine Freundin einen außer Kontrolle geratenen Hang zu Emoticons, was die Nachrichten aussehen ließ wie die blinkende Anzeige eines Glücksspielautomaten. Jetzt sind wir seit zwei Monaten in der Post-it-Phase.

Die Vorteile: Wir bringen die Dinge auf den Punkt. „Stinkt!“, „Milch!“, „Fenster zu!“ Warum Lebenszeit auf ganze Sätze verschwenden? Und auch was Liebesschwüre betrifft, ist der Ton zackiger und, ich sag mal, effizienter geworden – wobei die Tendenz meiner Freundin, immer das letzte Wort zu haben, auch durchs Zettelschreiben nicht verschwindet: „Ich liebe Dich!“ => „Ich Dich auch!“ => „Gut!“ => „Total!“ => „Bestens!“ => „Nicht wahr?“

Die Nachteile der Zettelwirtschaft: Da man nie so genau weiß, in welcher Stimmung ein Post-it geschrieben wurde, ist das Eskalationspotenzial nicht zu unterschätzen. Neben einem von mir benutzten Nudelteller klebte zum Beispiel „Räum das weg!“. Ich: „Entspann Dich!“ Sie: „Ich bin nicht die Putzfrau!“ Ich: „Stimmt, die würde aufräumen, ohne bekloppte Zettel zu schreiben!“

Jadga, unsere polnische Putzfrau, die jeden zweiten Freitag kommt und mich immer mit „Pian!“ anredet, hatte bisher die Nonchalance, unsere Zettelgespräche zu ignorieren. Bis gestern Abend – als sie uns eine Nachricht hinterlassen hat. Elegante Handschrift auf gelbem Papier. Wir haben den Zettel aufgehoben, ich werde ihn an die Stelle im Flur hängen, an der mal die Schultafel hängen sollte: „Pian! Kauf Mülltüten. Mach Zettel weg.“ Darunter in Großbuchstaben: „Und sei freundlich zu Frau.“