Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Leben in der Blase

Das Prinzip Filterbubble: Umgeben wir uns eigentlich nur noch mit Leuten, die genauso denken und reden wie wir? Und besteht die Gefahr, dass wir zu allen anderen den Kontakt verlieren?

Veröffentlicht am 15.09.2017

Leben in der Blase.


Kürzlich habe ich gelesen, dass wir alle in einer Blase leben und ausschließlich mit Leuten zu tun haben, die genauso denken und reden wie wir. Und dass dieses Leben in der Blase keine gute Idee ist. Weil wir den Kontakt zu allen verlieren, die kein iPhone und kein Netflix-Abo besitzen und die ihre Jamie-Oliver-Kochbuchsammlung nicht wie wir auf ihrer frisch geölten Altbauküchen-Arbeitsplatte drapiert haben. 

Tatsächlich lebe ich nicht nur mit denselben Dingen wie meine Freunde, sondern schwimme auch in derselben Meinungssauce: Italien toll, Trump doof, Flüchtlinge lieb, Süßkartoffeln lecker, Böhmermann lustig, Vinyl lässig, Provinz langweilig, Spiegel Online dauernd. Meine Freundin nennt das „Leben auf Planet Rucola“. 

Hinzu kommt, dass ich nicht mehr dagegenhalte, wenn Leute Mumpitz erzählen. Wenn sie „Ich habe nix gegen Ausländer, aber“ sagen, den Klima­wandel für eine Verschwörung halten oder vom Taxifahrersitz aus, meinen Blick im Innenspiegel suchend, einen „Politiker sind doch alle gekauft“-Monolog vom Stapel lassen. Ich schalte auf Durchzug, doch das hört jetzt auf. Ich habe mir vorgenommen, während meiner wöchentlichen Zugfahrt von Berlin nach Hamburg mit allen alles auszudiskutieren. 

Im Bordbistro auf dem Weg nach Hamburg setzt sich ein krawalliger Rentner neben mich, der im Supermarkt vermutlich regelmäßig „Zweite Kasse!“ brüllt. Er blickt mich an und sagt „Scheiß Staatsbetrieb“, was als raubeinige Einladung zum gemeinsamen Meckern gemeint ist. Ich: „Die Bahn ist kein Staatsbetrieb, sondern teilprivatisiert.“ Ich leuchte vor Schlaubergertum. „Und was ändert das? Zug ist zehn Minuten zu spät.“ Früher hätte ich nix mehr gesagt, ich bin aber im Rausch des Besserwissers. „Es heißt der Zug.“ Der Satz hat meinen Mund verlassen, bevor er im Hirn gegengecheckt wurde. Der Rentner blickt mich an, als überlege er, ob es sich lohnt, mich zu verhauen, und entscheidet sich knapp dagegen. Ich fühle mich prächtig, verlasse aber sicherheitshalber den Speisewagen. 

Auf der Rückfahrt komme ich mit einer Anwältin ins Gespräch, die aufs Land gezogen ist, „da man in Berlin nicht mehr leben kann“. Früher hätte ich ein lahmes „So isses“ gemurmelt. No more. Als ich sie frage, was sie genau meint, antwortet sie: „Kriminalität, überall Party, dann der Dreck.“ Ich frage sie, um wie viel die Kriminalität denn gestiegen sei. Sie weiß es nicht (ich freue mich) – ich weiß es aber auch nicht, was der Sache den Pep nimmt. Ich versuche mit ein paar schleimigen Bemerkungen übers Landleben die Stimmung zu reparieren. Funktioniert nicht. Die Leute außerhalb von Planet Rucola hassen mich.

Drei Tage später sitze ich wieder im Bordbistro, diesmal mit einem Mann mit Karohemd, der den „Yes, We Can“-Aufkleber auf meinem Kalender anguckt. „Obama, der hat Amerika kaputt gemacht.“ Ich frage warum, und Karohemd-Mann filetiert die US-Außenpolitik in Syrien, die Medien, die Folgen der Globalisierung. Wir reden nicht, wir prügeln uns mit Worten. Karohemd-Mann hat eine ganze Batterie Fakten auf Lager, von denen ich noch nie gehört habe. Ich gehe nicht nur unter – ich werde geschreddert, sehe es aber als Teil meiner konfliktfreudigen Offenheit, Mail-Adressen auszutauschen. Schluss-stein der Argumentation von Karohemd ist das Bild einer Mauer, die Mexiko an der Grenze zu Guatemala gebaut haben soll. „Dann darf Trump doch wohl auch eine bauen dürfen!?“ Er zeigt mir das Foto auf seinem Telefon und schickt es mir per Mail. Verdammt. 

Zu Hause recherchiere ich und schicke das Foto auch an Freunde. Eine Kollegin antwortet, das Bild der Mauer sei in Wahrheit in Palästina aufgenommen und hängt Links an, die das belegen. Ich schreibe Karohemd sofort eine Mail, die wie ein einziges Triumphgeheul klingt. Am Abend dann seine Antwort. Mein Lieblingssatz seiner Mail: „Es ist zurzeit wirklich schwierig, den Überblick zu behalten, oder?“ Das ist es. Karohemd und ich gehen nächste Woche ein Bier trinken.