Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Liebe Grüße von José

Wenn sich die eigene Freundin mit dem Ex-Freund trifft, kann es heikel werden. Unser Autor versucht, cool zu bleiben: Macht gar nichts, wenn José vorbeischaut, der rassige Halb-Portugiese. Ü-b-e-r-h-a-u-p-t nichts.

Illustration von einem Pärchen, das Besuch hat.

Eifersüchtig? Nein, unser Kolumnist doch nicht.


Meine Freundin hat sehr viele Ex-Freunde. Also zumindest mehr, als ich Ex-Freundinnen habe. Sehr viel mehr. Ich glaube, das liegt daran, dass sie in Berlin aufgewachsen ist, wo man alle maßgeblichen Informationen zu den Themen Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll mit 15 gesammelt hat. Ich? Habe mit 15 in unserem Dorf die Kirchenzeitung auf Rollschuhen ausgetragen, über meinem Bett hing ein Apothekenposter mit Rehkitz. Meine Freundin ist, was die Liebe betrifft, einfach länger im Geschäft als ich.

Das klingt, als hätte ich damit meinen Frieden gemacht. Habe ich aber nicht. Ich bin auf alle Ex-Freunde eifersüchtig. Ausnahmslos. Sogar auf diejenigen, mit denen sie in der siebten Klasse am Cola-Automaten rumgemacht hat. „Aber so jemand ist doch kein Ex-Freund“, sagt meine Freundin. Für mich schon. Ich habe, was Ex-Freunde betrifft, das Ego eines Zwergs. Potenziell sind das Konkurrenten in Lauerstellung und Affären im Stand-by-Modus, die mich mit Sätzen wie „Hat sie eigentlich noch diesen kleinen Leberfleck am Po“ demütigen wollen.

Es gibt also viele Ex-Freunde; und es gibt José. José ist Halb-Portugiese und war mit meiner Freundin vor zehn Jahren zwei Monate liiert. Er kann laut meiner Freundin „toll“ Salsa tanzen und hat einen nuschligen Akzent (ich habe ihn einmal auf einer Hochzeit getroffen und danach wochenlang zu meiner Freundin ischliebedisch gesagt, was das erste, aber nur das erste Mal mit einem Lacher belohnt wurde). José ist vor Jahren nach Portugal gezogen – und jetzt zehn Tage lang zu Besuch in Berlin. „Darf er eine Nacht bei uns schlafen?“, hat meine Freundin gefragt. „Klar.“ Was für ein Fehler.

José sieht aus wie jemand, der seit 1996 ununterbrochen Interrail macht, seine Klamotten stecken in einem Seesack und er hat für sich einen Kleidungsstil erfunden, der den Look von Peter Maffay mit dem eines Muschelkettenverkäufers vereint. Aber vor allem ist er das totale Gegenteil von mir. In meinem Cashmere-Pullunder sehe ich neben ihm aus wie Christian Wulff beim Rasenmähen. Wenn meine Freundin Männer wie José mag, wie kann sie dann mit mir zusammen sein, das Luder, das doppelzüngige?

Da es für Eifersüchtige nichts Schlimmeres gibt, als beim Eifersüchtigsein enttarnt zu werden, fahre ich den Abend über eine Doppelstrategie: joviale Schulterklopf-Freundlichkeit für José und gleichzeitig Liebesglück-Schaulaufen mit meiner Freundin. Ich küsse sie beim Zwiebelschälen, beim Parmesanreiben, ich befummle sie beim Tischdecken, um José klarzumachen, dass wir uns seit sechs Jahren im permanenten Hormon-Honeymoon befinden und eigentlich nur während seiner kurzen Anwesenheit bei uns zu Hause komplett angezogen sind. Es klingt ein bisschen eklig. Und ich fürchte, das ist es auch. Es gibt einen peinlichen Moment, als unser dreijähriger Sohn „Warum küsst du Mama dauernd?“ fragt, der von mir aber mit einem dröhnenden „Noch jemand Wein?“ überballert wird.

Es ist weit nach Mitternacht, als ich neben meiner Freundin in der Dunkelheit liege. Sie will schlafen. Ich will schlafen. Aber der plärrende, eifersüchtige Radau-Teil meiner Kinderseele muss noch etwas in dem Abend herumpopeln. Und ist bereit für die Sorte Kopfkissen-zu-Kopfkissen-Gespräch, das die halbe Nacht dauern kann. Und das weiß meine Freundin, dieses Biest, ganz genau. „Und wie fandest du den Abend?“, lasse ich scheinheilig einen Testballon aufsteigen. Erst keine Antwort und dann das hier: „Ischliebedisch.“ Ischdischausch.


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