Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Liebesgrüße aus Moskau

York Pijahn fliegt in den Griechenlandurlaub und landet in? Einem Russenhotel!

Veröffentlicht am 02.11.2017

„Wiiielkam to Griiies!“


Sechs Uhr morgens in Berlin, ich sitze im Taxi. Noch zwei Stunden, dann hebt unsere Maschine ab, nach Griechenland, zwei Wochen Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hotel – das auf dem Computerbildschirm des Reisebüros ausgesehen hat wie eine Mischung aus Bond-Bösewicht-Villa und Supermodel-Spa. „Oh nein!“ Meine Freundin wischt auf ihrem Smartphone-Display herum, sie liest, was die bisherigen Gäste geschrieben haben. „Wir machen anscheinend Urlaub in einem …  Russenhotel!“

Ich stamme aus einer Familie, mit deren Russen-Ressentiments man ein ganzes Schlesier-Treffen munitionieren könnte. Das liegt daran, dass meine Mama mit dem Bollerwagen, jetzt kommt es, „vorm Russen!“ geflohen ist. „Den Russen!“ gibt es in meiner Familie nur in Einzahl und mit Ausrufezeichen. „Achtung, der Russe kommt!“ Wenn man das meiner Mutter in ihrem Halbschlaf zuraunt, hat man gleich eine kleine, harte Trümmerfrauen-Faust am Kinn. Schwere Startbedingungen für einen Urlaub in einem Russenhotel. Vor allem wenn man wie ich (Zitat: meine Freundin) ein „Schleimbeutel-Tourist“ ist. Der Schleimbeutel-Tourist will die Wunden heilen, die der prollige Adiletten-Deutsche im Ausland gerissen hat. Er ist übertolerant, dauernd dankbar, beschwert sich nie, findet alles pittoresk und landestypisch. Er probiert lokale Spezialitäten aus eingelegten Schafsinnereien und zwingt sich danach zu einem „Hmm, lecker“, um dafür von den Marktfrauen in Thessaloniki, Ravenna, Porto in die Backe gekniffen zu werden. Er will kein Gast sein, er will dazugehören.

In unserem Russenhotel gibt es keine Griechen, denen ich meine rasende Liebe zu ihrem Land gestehen kann. Es gibt nur uns. Und Russen. Sogar der Portier, sonst die erste Station meiner Charme-Offensive, trägt ein Namensschild, auf dem „Vladimir“ steht und der uns mit „Wiiielkam to Griiies!“ begrüßt. Ich richte daher meine ganze Anpassungsbereitschaft auf unsere russischen Miturlauber.

Regel 1: Kein Weichei sein. Russische Männer cremen sich am Strand unter keinen Umständen ein. Als ich auf Wunsch meiner Freundin widerwillig die 35er-Kleinkind-Sonnenmilch unseres Sohnes benutze, ernte ich von einer Gruppe Russen, die nicht braun, sondern kross sind, Blicke, als hätte ich vorgeschlagen, im Lenin-Mausoleum eine Frozen-Yoghurt-Bar zu eröffnen. Trotzdem spiele ich mit den krossen Russen auf einem groben und glühend heißen Kiesstrand Volleyball, um Männlichkeits-Punkte zu sammeln. Ich habe nach zwanzig Minuten blutende Knie, bekomme aber so was wie den Ansatz eines Nickens als Bestätigung für meinen Einsatz. Heimlich nenne ich mich Lokomotive Pijahn.

Regel 2: Wenn Sie eine Frau sind, geizen Sie nicht mit den Möglichkeiten der plastischen Chirurgie. Eine Oberweite, die spürbar kleiner ist als die Schwimmflügel Ihres Kindes, ist Geldverschwendung, mickrig, peinlich. Kombinieren Sie all das mit einem Minnie-Mouse-Bikini, der einer dünnen Zwölfjährigen zu klein wäre. Schaut spitze aus. Meine Freundin sieht das anders, ist aber eh die Einzige am Strand, die noch ihre echten Lippen im Gesicht hat, was ab der zweiten Urlaubswoche anfängt, mir komisch verklemmt vorzukommen.

Regel 3: Nicht reden. Für einen kontaktbesessenen Überkommunikator wie mich ist das erst schräg, dann aber unglaublich erholsam. Wenn ich abends im Speisesal des Hotels wie meine russischen Miturlauber nur alle fünf Minuten „hm“, „gnp“ oder „brmp“ sage, habe ich plötzlich sehr viel Zeit. Einfach mal kauen statt quatschen, die Goldketten am Hals neu sortieren, mit den nackten Füßen unterm Tisch Knackgeräusche machen.
Als wir am letzten Abend auf der Hotelterrasse sitzen, schreibe ich meiner Mutter eine Karte. „Liebe Mama, Griechenland spitze, tolles Wetter, Grüße von Deinem Lieblingssohn.“ Meine Freundin, latent pampig, kritzelt drei Wörter darunter: „Liebesgrüße aus Moskau.“