Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Männer-Detox oder bis einer weint

Der Bruder unseres Autors macht jetzt Detox. Und aus Angst, er könnte bald viel besser aussehen, schließt sich York Pijhan an. Jetzt heißt es, Detox in der Männervariante, nämlich: gegeneinander.

Veröffentlicht am 24.03.2017
Illustration eines Mixers gefüllt mit grünem Gemüse.

Über Tage nur Gemüse „trinken“? Für unseren Kolumnisten ist das doch ein Klacks.


Ich habe zwei große Brüder. Der eine war immer etwas dicker als ich, oder, wie meine Mutter es formuliert: „Er war der Stämmige von euch Jungs.“ Ich komme für den folgenden Satz in die Hölle, aber auf Familienfotos sieht man neben einem stämmigen Bruder immer fesch aus. Auch wenn sich mein gepardenhafter Körper zurzeit durch ein kurzes Formtief mehr ins Bernhardinerhafte verwandelt hat. Doch das ist jetzt vorbei.

Denn mein stämmiger Bruder wird im Sommer 50. Er hat sich vorgenommen: „Jung, schlank und im Ganzen einfach sexy auszusehen.“ Klingt nach dem Teilnehmer einer Abnehm-Show, in der ein Dutzend Stämmige weinend auf Trimmräder gefesselt, verhöhnt und mit Möhren beworfen werden. Sie merken schon, wie ich versuche, das Projekt meines Bruders madig zu machen. Denn in Wahrheit habe ich Angst, dass mein acht Jahre älterer Bruder schlanker, straffer, jünger aussehen könnte als ich. Er macht seit einem Monat Detox. Detox. Bereits auf den Klang des Wortes bin ich neidisch. Kur? Diät? Entgiftung? Wie feige, halbherzig sich das anhört. Dagegen Detox: Das klingt nach L.A., Heidi Klum, dem ruckartigen Abreißen von Pflastern und Model-Körper. Ich bin sonst ganz gut darin, anderen Erfolge und tolles Aussehen zu gönnen, bei meinem Bruder mache ich eine Ausnahme. „Ich bin dabei!“ Wir machen jetzt Detox in der Männervariante. Im Wettbewerbsmodus. Gegeneinander.

Phase 1: Mein Bruder, der sich in die Thematik eingelesen hat, schickt mir per SMS pseudofürsorgliche Tipps im übergriffigen Detox-Veteranenton. „Was macht die Darmsanierung?“ Eigentlich toll, wenn man mit engen Verwandten so einen direkten Ton hat und Intimität nicht vor der Toilettentür haltmacht. Ich habe „Läuft!“ geschrieben und mir zu meiner Wortwitzgewalt gratuliert. Mein Bruder wünscht mir einen „healthy day“, was nach jemandem klingt, der immer eine Handvoll Goji-Beeren in der Trainingshose hat. Mein Bruder schreibt, er sei heute richtig „bouncy“. Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber ich will das auch.

Phase 2: Zum Frühstück und Mittagessen trinken wir nur noch grüne Smoothies, die aus Salat, Obst und Wasser bestehen – und schicken uns Fotos der Drinks. Mein Bruder, der Streber, dekoriert seine sogar mit Beeren. Die Smoothies schmecken ausnahmslos nach Gartenteich – aber keiner will das zugeben, um nicht als Weichei dazustehen. Es entsteht ein verbales Armdrücken um die Frage, ob es überhaupt Obst braucht – oder ob Petersilie plus Sellerie „nicht noch mehr Power haben“. Das Ergebnis schmeckt nach Brühwürfel und Frosch. SMS von mir: „Lecker!“ SMS von meinem Bruder: „The Best!“ Ich habe Bauchschmerzen und gleichzeitig Hunger.

Um im Gesundheits-Rennen an meinem Bruder vorbeizuziehen, suche ich im Netz nach Detox-Tricks und lese – kein Witz –, dass man beim Smoothie-Trinken lächeln soll, das habe „gute Energy“. Mach ich. Ein bisschen Smoothie geht jedes Mal daneben, ich schätze, das kommt bereits von meiner neuen Detox-Power. Meine Freundin moniert, dass es für unseren Sohn seltsam sei, mit einem Vater am Tisch zu sitzen, der grünen Brei in den Mundwinkeln hat und sich beim Lächeln fotografiert. Da spricht eine Frau mit viel Tox in Herz und Darm, das kommt von all diesen Toast-, Kaffee- und Marmeladen-Giften.

Um mich zu motivieren, habe ich mir Fotos von Victoria Boutenko angesehen. Die Amerikanerin ist die Erfinderin des grünen Smoothies. Was soll ich sagen: Frau Boutenko ist rein optisch eine Mischung aus Claudia Roth und einer zupackenden Mettbrötchen-Verkäuferin. Ich habe meinem Bruder die Fotos gemailt. Seine Antwort: „Wow. Wenn das der Effekt ist, können wir für ein paar Tage zu Pasta-Parmesan zurückkehren, oder?“ Ich setze gerade das Nudelwasser auf. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich fühl mich bouncy.