Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Me time? Nein danke!

Alle jammern immer, sie bräuchten mehr Zeit für sich. Völlig überschätzt, weiß unser Autor nach drei Tagen Alleinsein und viel Zeit für langweilige Dinge.

Veröffentlicht am 14.04.2017
Illustration von Yvonne Kuschel.

So ganz allein, macht auch keinen Spaß.


Die Reifen knirschen auf dem Kiesweg. Das Auto, in dem meine Freunde sitzen, wird immer kleiner. Sie hupen, ich winke. Hurra! Ich drehe mich um und vor mir steht das leere Ferienhaus. 200 Quadratmeter, Pool, acht Zimmer. Wolkenschatten fliegen über das Haus und die Sanddünen, die es umgeben. Drei Tage werde ich hier ganz allein wohnen. Wie super ist das denn? 

Einmal im Jahr fahre ich mit meinen Abi-Freunden nach Dänemark. Eine Woche Jungs-Urlaub. Doch in diesem Frühling haben alle nur eine halbe Woche Zeit. Bis auf mich. „Dann bleib doch den Rest der Woche allein da. Das Haus ist eh bezahlt“, hatte mir mein Freund Felix vorgeschlagen. Worauf etwas in mir anfing, breit vor Glück zu grinsen. Denn tatsächlich ist das seit Jahren mein Lieblings-Nörgelthema: dass ich nicht genug Zeit für mich habe. Es gibt dafür sogar ein schickes Zeitgeist-Wort: me time. Ich will mehr me time. Dem Leben die Fernsteuerung aus der Hand nehmen. Ich hatte mir Dänemark als endlosen Strandspaziergang mit bahnbrechenden Erkenntnissen beim Blick aufs graue Meer vorgestellt. Allein sein, weil ich es will. Me, me, me. Klingt doch super.

Ich mache die Ferienhaustür auf – der Flur ist so leer, dass es hallt. Die Sauna summt, der Pool gluckst wie ein rülpsender Wal. Ich weiß, das wirft jetzt kein besonders gutes Licht auf mich: Aber mir ist langweilig. Ich springe bocklos ins Schwimmbecken, wie jemand, der das Ticket für einen Freizeitpark gelöst hat und jetzt alle Karussells ausprobiert. Weil er ja bezahlt hat. Das Becken fühlt sich zu groß und das Wasser zu dunkel an. Ich gehe eine halbe Stunde am Strand spazieren, mache Feuer im Kamin und in allen leer stehenden Zimmern die Tür zu. „Um Wärme zu sparen! Haha!“, rufe ich laut durch die dunklen Räume. In Wahrheit, um potenzielle Verstecke für Axtmörder zu verringern. Ich habe erst seit sechs Stunden me time und überlege mir jetzt schon, ob ich nachts das Licht im Ferienhaus anlasse. Verdammt. (Ich lasse es an.) SMS von Felix: „Wie ist es?“ Ich will „gruslig“ schreiben, entscheide mich aber für „super“. Denn seien wir ehrlich: Schlimmer als zu wenig Zeit für sich ist nur, zugeben zu müssen, dass man mit dieser Zeit nichts anfangen kann. Am nächsten Morgen gucke ich der Kaffeemaschine beim Durchtröpfeln zu. Ich habe Zeit, nutze sie aber nur für langweilige Dinge. Ich mache einen Stapel aus Korkuntersetzern. Ich schaue durch das Wohnzimmerfenster einem Reh zu, das durch den Garten stakst.

Felix hatte mir geraten, mal ein paar Tage auf meine innere Stimme zu hören. Meine innere Stimme hat, was die Freizeitgestaltung betrifft, allerdings eine Wunschliste, die sich wie die einer zwölfjährigen Couch-Potato mit Essstörung liest. Ich gucke im Schlafanzug die ersten beiden Staffeln von „House of Cards“ und „Downton Abbey“ an und entdecke, dass Nutella, in der Mikrowelle erhitzt, einen spektakulären Kakao abgibt. Ich habe Sodbrennen und stelle mich kurz auf die Terrasse und zähle die Spitzen der Tannen. Ich werde langsam wunderlich. Ich bin Robinson Crusoe ohne Freitag, aber mit Bademantel. Ich weiß nichts mit mir anzufangen.

An Tag drei mache ich me time-Selfies und schicke sie an alle Freunde, um sie neidisch zu machen auf eine Sache, auf die ich langsam keinen Bock mehr habe. Mein großer Bruder hält mich, wohl weil ich auf den Fotos einen Schlafanzug an- und meine Brille aufhabe, für grippekrank und antwortet mit „Gute Besserung“. Felix schickt ein Foto, das ich danach auf den Startbildschirm meines Handys lade. Wir stehen zusammen auf einer dänischen Düne und springen in die Luft. Wir sehen auf beknackte Art glücklich aus. Unter dem Foto stehen zwei Wörter: we time.