Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Mit Buch am Strand

Achtung, Blender! Der Strand ist eine Bühne, auf der man endlich seine Bücher einem größeren Publikum vorführen darf - sagt unser Kolumnist York Pijahn und packt die Helmut-Schmidt-Biografie aus.


Ich stamme aus einer Bielefelder Bildungs-Angeber-Familie. Die Wände unseres Wohnzimmers bestanden aus übervollen Bücherregalen, in denen meine Eltern ihre auf alt gemachten Readers-Digest-Romane nach Farbe, Größe und Dicke-Hose-Faktor sortiert hatten. Frakturschrift. Tiefdruck. Eichenholzbuchstützen. Unser Wohnzimmer sah aus wie eine Mischung aus Rittersaal-Bibliothek und Zinnbecher-Showroom für kurzsichtige Fontane-Fans.

Seitdem liebe ich unlesbare Angeberbücher. Meine Freundin sagt, ich hätte das Prinzip Coffeetable-Literatur – also Schlaubergerbücher, die zeigen sollen, wie geschmackssicher man ist – auf alle Flächen der Wohnung ausgeweitet. Sie hat damit zwar recht. Aber ich weigere mich, Fragen der Literatur mit jemandem wie ihr zu besprechen, die die „Game of Thrones“-Reihe zum dritten Mal liest und ein „Nebel von Avalon“-T-Shirt besitzt. „Du bist eben ein arroganter Kackfrosch, der nicht versteht, dass Bücher einfach nur Spaß machen dürfen“, sagt meine Freundin. „Und du bist die Fantasy-Lady der Herzen“, sage ich. Und jetzt? Fahren wir in die Ferien. Sizilien, Strand-urlaub, Zeit zum Lesen. 

Für Literatur-Angeber ist der Strand eine Bühne, auf der man endlich seine Bücher einem größeren Publikum vorführen darf. Ich habe sogar ein eigenes System, um mein Buch, dieses Jahr: eine Helmut-Schmidt-Interviewsammlung, so aufs Handtuch zu legen, dass man den Titel noch aus acht Meter Entfernung lesen kann. Was allerdings ein schwacher Trost dafür ist, dass sich das liest, als kaue man eine abgelaufene Packung Spekulatius. Was dazu führt, dass ich stattdessen checke, was die anderen am Strand lesen. Es gibt da vier Literatur-Typen:

Die Historien-Mutti. Sie liest die Magierin, die Wanderhure, die magische Wanderhure und alles, was mit Irland, Pferden und Frauen zu tun hat, die nach einer Spelunkenjugend als Mann verkleidet eine Ausbildung zur -Ärztin/Päpstin/Säulen-der-Erde-Aufstellerin machen. 

Der Tablet-Vaddi. Er liest auf seinem Bildschirm Dienst-Mails und diktiert per Sprachfunktion aufpeitschende Antworten. Allerdings: Das Mail-Programm ist gar nicht an. Und Tablet-Vaddi liest heimlich „Fifty Shades of Grey“ zum dritten Mal und träumt davon, dass ihm mal jemand mit Schmackes auf den Hintern haut. 

Die Autopsie-Lady. Sie liest nur Krimis in denen abgesägt, aufgeschlitzt, abgesaugt wird, mit einer Pathologin auf Seite drei, die Joan oder Ruby heißt und mit Gummihandschuhfingern etwas Ekliges aus einem toten Ohr zieht. Die Autopsie-Lady hat auch „Darm mit Charme“ mit in den Urlaub genommen, ist aber enttäuscht. Weil der Schmöker eigentlich ein Sachbuch ist. 

Der Action-Held. Er will eigentlich gar nicht am Strand sein. Sondern mit Popcorn-Eimer in einer Cinemaxx-Spätvorstellung. Er hat am Airport-Kiosk alle Bücher mit U-Booten, Flugzeugträgern und Vulkankegeln auf dem Cover gekauft. Und fiebert jetzt der Geiselbefreiungsszene auf Seite 383 entgegen. 

Der Literatur-Angeber freut sich, dass er genau weiß, was in all diesen Strandbuch-Typen vorgeht. Was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass er eigentlich neidisch ist. Auf dieses Gefühl, sowohl im Sand als auch in einer Geschichte zu versinken. Und dann passiert das, was in jedem Urlaub passiert. Man kauft Postkarten und im selben Laden, hinter dem Taucherbrillen-Ständer, entdeckt man Trash, ein Taschenbuch, in dem aufgeschlitzt, gefeiert, geliebt, geschossen wird, das nicht clever, sondern nur spannend sein will. Das einen mitnimmt. Und wenn jemand fragt: „Kommst du mit ins Wasser?“, hört man sich glücklich antworten: „Nein danke, ich glaube, ich lese noch ein bisschen.“


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