Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Nach Hause kommen

Vom Flughafen abgeholt werden, ist aus der Mode gekommen. Aber wer am Gate wartet, spürt, dass wir von Liebe umgeben sind. Unser Autor freut sich deshalb auf den nächsten Heimflug.

Veröffentlicht am 07.07.2017
Katze und Sessel mit Schild.


Ich mag den Moment, wenn ich in der letzten Maschine nach Hause sitze, die Stewardessen in der Kabine das Licht dimmen und das Flugzeug sich im Landeanflug in die Kurve legt wie ein Wal in schwerer See. Wenn es dunkel wird und die Stadt unter mir glüht wie etwas, das am Meeresboden liegt. Selbst Geschäftsreisende, die in schlecht sitzenden hellgrauen Anzügen und Kurzarmhemden aussehen wie Azubis bei der Telekom, gucken dann aus dem Fenster. Sie klappen den Laptop zu. Sie hören auf, die Nüsse aus den kleinen silbernen Tüten zu mampfen, und schauen, ob sie irgendwo da unten ihr Haus sehen können. Keiner kann sich diesem Gefühl entziehen. Es ist kitschig und unschlagbar: nach Hause kommen.

Ich habe seit Jahren einen Lieblingsfilm: Er heißt „Tatsächlich...Liebe“ und ist eine unfassbare Schmonzette. Hugh Grant, unsicher und dusselig, wie nur Hugh Grant unsicher und dusselig sein kann, gibt den britischen Premierminister. Und er verliebt sich rasend – wie jeder in dem Film. Das Ganze spielt zu Weihnachten und endet nicht mit einem, sondern einem ganzen Dutzend Happy Ends.

Der Zuschauer hat emotional gegen diesen Film so wenig Chancen wie ein Bergsteiger gegen eine Eislawine in der Eiger-Nordwand. „Man wird einfach umgebollert“, würde meine Mutter sagen. Das Beste ist der Vorspann. Man sieht Leute, die an einem Flughafen von Freunden abgeholt werden. Dicke Freundinnen, und ich meine sogar nach Nordenglischen-Arbeiterklassen-ich-trinke-gern-morgens-schon-mal-fünf-Bier-Maßstäben dicke Freundinnen, nehmen sich in die Arme. Papas herzen Mamas. Bleistiftdünne Opas klopfen sich gegenseitig auf die Schultern.

Es ist ergreifend. Die Stimme aus dem Off sagt derweil, dass wir in einer kalten Welt leben, aber wer am Flughafen-Gate wartet, der spürt, dass wir von Liebe umgeben sind. Vom Flughafen abgeholt werden ist in meinem Freundeskreis ziemlich aus der Mode gekommen, seit sich alle, die ich kenne, Taxis leisten können. Man will niemandem auf den Wecker gehen und Zeit klauen. Die Zahl der „Willkommen York!“-Schilder ist neuerdings so gering wie die der Pygmäen, die in meinem Badezimmerschrank kampieren, nämlich gleich null.

Vor meinem letzten Rückflug nach Hamburg hatte ich eine Woche in München gearbeitet. Mehr als sieben Tage von zu Hause weg zu sein ist anstrengend. Ich will dann nicht mehr auf dem Weg ins Hotelzimmerbad barfuß über klebrigen Teppichboden laufen. Ich will keinen Fernseher, der an die Wand geschraubt ist, als wolle man ihn mitgehen lassen. Ich will nach Hause.

Als sich der Flieger beim Anflug in die Kurve legte, klappte ich den Laptop zu, schaute aus dem Fenster und musste an meinen Bruder denken. Wir hatten uns auf eine sinnlose, tiefschlaghafte Art am Telefon gestritten, uns wieder ein bisschen vertragen, aber es knirschte noch zwischen uns, die Handbremse der Bruderliebe war angezogen. Die Maschine landete, ich holte mein Gepäck. Und da stand er, mein Bruder, die Hände im Anorak, ein schiefes Grinsen im Gesicht. Er habe sowieso in der Stadt zu tun gehabt, sagte er. Es sei doch nicht nötig gewesen, mich abzuholen, sagte ich. Kurz: Wir überspielten die Wiedersehensfreude auf diese durchsichtige Pseudo-Erwachsenenart, worüber wir lachen mussten.

Um uns herum nahmen die Mamas die Papas in den Arm. Die dicken Freundinnen einander ebenso wie die Opas. Mein großer Bruder klopfte mir großbrüderlich auf die Schulter und schnappte sich meinen Rollkoffer. Wir stiegen in sein rotes Angeber-Cabrio, das Verdeck war offen, es war kalt, windig und trotzdem behaglich. Es ist schön, abgeholt zu werden. Man fühlt sich aufgehoben und stolz, dass jemand auf einen gewartet hat. Man ist zu Hause und nicht einfach nur wieder da. Ich glaube, ich werde das meinem Bruder mal sagen. Aber ich denke, er weiß es schon.