Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Nachts am Kühlschrank

Unser Autor ist krank: Er leidet an chronischem NES – Night-Eating-Syndrom. Weshalb er nachts vor dem Kühlschrank sitzt und hemmungslos futtert. Schlecht fühlt er sich deshalb jedenfalls nicht.

Veröffentlicht am 24.08.2017
Mann am Kühlschrank.

York Pijahn leidet wohl am Night-Eating Syndrome.


Ich stamme aus einer Familie von begeisterten Hypochondern. Wenn meine Mutter, meine Brüder und ich ein Familienwappen hätten, dann wären es zwei gekreuzte Fieberthermometer über einer Wärmflasche. Da meine Mutter Krankenschwester ist, vermutete sie bei uns immer heimtückische Krankheiten, gegen die wir vorsorglich Tabletten mampften. Wir hatten nie einfach Schnupfen, wir hatten immer mindestens Nasennebenhöhlenentzündung in einer seltenen, besonders biestigen Verlaufsform. Wer einmal hustete, durfte zwei Tage ins Bett. Meine Brüder und ich waren – voller Begeisterung über die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Mutter – dauernd krank.

Hypochonder sind immer auf der Suche nach exklusiven Krankheiten, die man sich eingefangen haben könnte. Während einer Afrikareise vor vier Jahren dachte ich, mich mit Malaria angesteckt zu haben. Als mein Hausarzt stattdessen einen verdorbenen Magen attestierte, war ich enttäuscht, als hätte sich eine Promi-Party als Käsebrotverkostung bei Karstadt entpuppt.

Ansonsten führe ich ein Leben jenseits der eingebildeten Gebrechen – und zwar ein saugutes. Eines meiner momentanen Highlights findet seit Monaten nachts zwischen drei und halb vier statt. Gegen drei Uhr morgens wache ich auf, die Wohnung ist leer, still, mein Magen schnurrt wie ein verliebter Tierheimkater. Ich schlappe zum Kühlschrank und esse alles, was so im Angebot ist. Parmesankäse ist gut, Bolognesesauce ist besser, unschlagbar ist mit Zimt bestreuter Milchreis oder kalte Nutella auf einem Plastiklöffel, den man verkehrt herum lutscht.

All das passiert in einem halbwachen Zustand, durch die offene Kühlschranktür fällt mildes Licht. Ich liebe diese halbe Stunde ganz für mich. Niemand geht mir auf den Zeiger. Niemand schickt Mails. Keine Anrufe. Mein Erwachsenen-Ich hat Auszeit, wenn es in unserer Küche eine Schaukel gäbe, würde ich mich draufsetzen und ein bisschen durch die Dunkelheit schwingen.

Da ich ein Mann mit teenagermädchenhafter Eitelkeit bin, sind mir die Folgen meiner nächtlichen Trips zum Kühlschrank nicht verborgen geblieben. Ich habe im Dezember eine feste, stabile, im Kern natürlich trotzdem sportliche Energiereserve um den Bauchnabel hinzugewonnen. Ich sage: Muskeln im Zustand der maximalen Entspannung. Meine Freundin: „Ein Bauch, lustig, der ist neu!“

Ich habe versucht, etwas Gesundes zu essen: Karottensticks, einen Apfel. Es funktioniert nicht. Ich will Schokolade, Olivenöl, Fleisch, Vanillejoghurt, am besten in Kombination. Tagsüber reiße ich mich am Riemen, nachts ist alles erlaubt. Ich hatte deshalb lange ein schlechtes Gewissen – bis letzte Woche.

Vor sieben Tagen habe ich im Internet von einer Krankheit gelesen, die es zwar seit 25 Jahren gibt, die aber nahezu unerforscht ist. Das Night-Eating-Syndrom, kurz NES. Zwei Prozent aller Deutschen seien betroffen. Die Symptome: Nachts vorm Kühlschrank futtern. Es gibt sogar den dokumentierten Fall einer Frau, die sich im halbwachen Zustand Kartoffeln gekocht haben soll.

Mein mieses Gefühl ist jedenfalls weg, ich bin krank, chronisches NES, da kann man nichts machen. Den Winter über werde ich vielleicht einen winzigen Bauch haben, aber was soll man machen, wenn man im Würgegriff einer Krankheit mit mondänem englischen Namen ist. Wenn ich mich nachts wieder ins Bett lege, kann ich mein Gesicht nicht sehen. Meine Freundin aber, die dann manchmal kurz aufwacht, sagt, ich würde zufrieden grinsen.