Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Noch ein Pilz!

Unser Autor York Pijahn belächelt die Begeisterung seiner Großstadtfreunde für den Wald – warum er trotzdem mitkommt.

Veröffentlicht am 05.05.2017
Mann steht unter Baum.

Der Wald ist angesagt.


Kurz vor acht Uhr an einem Samstagmorgen. Ich stehe auf einer Lichtung in Brandenburg. „Da ist noch einer!“ Unser fünfjähriger Sohn hat etwas aus dem Boden gezupft und hält es mit beiden Händen hoch: einen weißen Pilz, seltsam knubbelig. „Wiesenchampi­gnon!“, rufe ich etwas bocklos durch den Morgen. Ich habe keine Ahnung von Pilzen. Oder von irgendwas anderem, das im Wald wächst – ich bin aber ziemlich gut in einer Disziplin, die meine Freundin „improvisiertes Halbwissen“ nennt. Die Faustregel: Weiße Pilze auf Wiesen sind ausnahmslos Wiesenchampi­gnons. Kleine gelbe Blumen sind immer Butterblumen. Meine Freundin, in Allwetterjacke und mit Traktoristinnen-Kopftuch, lässt sich neben mich fallen wie Heidi ins Heu. Und guckt schwelgerisch zu den Bäumen am anderen Ende der Lichtung. „Wald ist so geil, oder?“

Mein Kreuzberger Freundeskreis hatte eine Kochphase (schlimme Eintöpfe), dann eine Selbermachphase (Deko-Kissen), dann eine Schrebergartenphase (DDR-Hütten, in denen die selbst gemachten Kissen landeten, und Gärten, in denen das Zeug für die schlimmen Eintöpfe wuchs). Und jetzt: die Waldphase. Meine Großstadtfreunde wollen plötzlich in den Wald, als Gegenort zur Großstadt. Wiese statt WLAN. Da ich selbst auf dem Land aufgewachsen bin, in einer Gegend, in der überall Bäume standen, wo nicht gerade ein Neubaugebiet lag oder ein Schweinemastbetrieb im westfälischen Nieselregen vor sich hin pupste, ist mir das eigentlich sympathisch. Aber anders als jemand aus der Provinz kann der Großstädter nicht einfach nur durch den Wald laufen. Für den Großstädter ist der Waldausflug immer eine Mischung aus Streichelzoobesuch und Kirchgang in Allwetteranorak.

Es gibt drei Sorten großstädtischer Waldfans in meinem Freundeskreis. Die Pflanzenflüsterin: Sie hat das Buch „Das geheime Leben der Bäume“, eine Mischung aus raunender Försterbeichte und Lodenmantelvariante eines Paulo-Coelho-Schmökers, eingeatmet. Sie fühlt sich seitdem bestätigt, dass Bäume miteinander reden, Weiden weise und Buchen bei Vollmond bockig sind. Tief drinnen wäre sie gern ein Hobbit, ein nachdenklicher Hase oder ein optimistischer Holunderbusch. Der Klassenlehrer: Er hat zu allem eine Biologiebuch-Schlaubergerstory parat und rührt mit dem Finger Wildtierkacka um, die er professionell „Losung“ nennt. Trägt schon im Auto ein Fernglas, wodurch er wie ein irrer Stalker aussieht. Und der Bullerbü-Fan: Er wusste schon immer, dass eine Großstadtkindheit nur zu Drogensucht und schlaffer Körperhaltung führt, und zwingt deshalb seine Kinder dazu, Staudämme in Waldbächen zu bauen, mit selbst geschnitztem Pfeil und Bogen aufeinander zu schießen und in Naturschutzgebieten „ruhig ein Feuerchen“ zu machen.

Meine Freundin? Gehört tendenziell zur Pflanzenflüsterer-Fraktion, worüber ich während unserer Waldausflüge Witzchen reiße. Über die Abziehbild-Esoterik, das romantische Verklären von Natur, das Aufsammeln von Blättern. „Es sind am Ende doch nur Bäume.“ Ich verfalle in den zynischen Nörgelton von jemandem, der sich an Argumente klammert, obwohl er weiß, dass er trotzdem Quatsch redet. Auf einem schmalen Waldweg zurück zum Auto kommen wir an einem einzeln stehenden Baum vorbei. Eine Kastanie, das weiß ich, weil wir früher so einen Baum im Garten hatten, an ihm hing die Schaukel, ich konnte ihn von meinem Kinderzimmerfenster aus sehen. „Probier es mal.“ Meine Freundin nimmt den Baumstamm in den Arm, er ist so dick, dass sie ihn nur zur Hälfte umspannt, unser Sohn macht sofort mit. „Komm.“ Ich weiß, dass hier alle Kitschklischees greifen. Aber man hält spürbar etwas Lebendiges im Arm. Man hält fest und wird festgehalten. Man ist klein und wieder da. Man ist zurück an dem Ort, von dem man kommt, und fragt sich, warum man so lange weg war. Man ist zurück im Wald.