Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Noch `ne Kugel Möhrchen?

Die Lieblings-Eisdiele unseres Autors hat sich in eine Lifestyle-Boutique verwandelt. Statt „Vanille oder Schoko?” stellt sich hier die Frage: Chocoletta-Cheese-Tsunami oder Spicy-Strawberry-Dream?

Veröffentlicht am 09.06.2017
Mann mit Eiswaffel.


So muss es sich anfühlen, wenn man gefrorene Brühwürfel lutscht: Es schmeckt nach Möhre, hat die Konsistenz von Kartoffelbrei und, wow, da ist auch noch eine Spur Fruchtkaugummi und alter Regenmantel. Ich stehe in der angesagtesten Eisdiele Kreuzbergs und in meinem Mund schmilzt eine Eissorte, die sich „Veganes Möhrchen“ nennt. Meine Geschmacksknospen sind kurz davor, die Zusammenarbeit mit mir zu kündigen. Ich schlucke die Eismatsche runter: „Ich hätte gern noch eine Kugel von dem da“, sage ich zu der Frau hinter dem Tresen. „Das ist Spargel!“, sagt sie in dem euphorischen Tonfall, den man von frisch Verliebten kennt, die einem ihren neuen Partner vorstellen.

Spätestens jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen zu lachen, das Eis durch den Laden zu schmeißen oder sich nackt auszuziehen, um auf den Irrsinn der Situation hinzuweisen. Spargeleis, haha. Gibt es auch Mortadella-Pistazie oder Stracciatella-Leberwurst? Falls ja, bitte alles zum Mitnehmen und obendrauf noch ’ne Kugel Möhrchen. All das sage ich aber nicht, sondern nur: „Spargel? Klingt toll.“

Es gibt ein neues Phänomen in den Straßen meiner Stadt: die außer Kon­trolle geratene Gourmet-Eisdiele. Man erkennt sie sofort: Der Look ist eine Mischung aus Barbie-Haus und Bullerbü. Alles ist pastellfarben, niedlich, auf eine gute Art selbst zusammengebastelt, so wie sich Großstädter das Landleben vorstellen, nur dass alle Farben wie auf einem bearbeiteten Foto schreien. Und da alle Großstädter eine heimliche Sehnsucht nach dem Dorf haben – nach einer intakten Welt, in der es Kühe, Gartenzäune und ab und zu einen Traktor gibt –, drehen gerade alle um mich herum durch. Eiscreme ist der neue Kaviar. Oder sagen wir es so: Nach Jahren, in denen jeder darüber klugscheißern durfte, wo es besonders authentischen italienischen Espresso gibt, sagen erwachsene Menschen in meinem Umfeld jetzt Sätze wie „Hast du schon Mohn-Melone-Chili probiert? Is’ der Burner!“.

Wie gesagt, ich versuche bei all dem mitzumachen. Ich habe von der Charakteranlage die besten Voraussetzungen zum Mitläufer: Ich kann mich erst mal für alles begeistern und neige zur „faktenunabhängigen Euphorie“, wie mein Freund Stulli sagt. Leute wie mich kann man im Mittelbau einer Diktatur echt gut gebrauchen. Tatsächlich hat es etwas Beeindruckendes, zur Gourmet-Eisdiele zu gehen, die von meinem Kreuzberger Apartment drei Minuten entfernt ist. Man muss sich in eine grotesk lange Schlange stellen. Vor einem 50 Leute in der Juli-Sonne, das steigert die Erwartung, man ist Teil der in-crowd, und plötzlich gucke ich in Schaufenster, an denen ich sonst vorbeilaufe. Mir ist zum Beispiel nie aufgefallen, dass wir ein sehr gut sortiertes Orthopädie-Geschäft in der Nachbarschaft haben. Ich entdecke überraschend funky aussehende Schuhe für Leute, die nach einem Unfall nicht mehr so gut beieinander sind. Wenn ich abschweife, pardon, liegt das nur am langen Warten.

Und dann stehe ich endlich vor dem Tresen des Eiscreme-Paradieses und gebe mich den exzentrischen Sorten hin wie ein Theatergast, der nix von der Handlung des Stücks kapiert, es aber toll findet, mit dabei zu sein. Ich lese Wortkreationen wie „Chocoletta-Cheese-Tsunami“ und etwas, das sich „Spicy-Oysterbay-Strawberry-Dream“ nennt. Unter uns: Das ist was für Anfänger. Nennen Sie mich konservativ, aber ich bestelle Spargel mit Möhrchen. Da weiß man, was man hat.