Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Oben ohne

Wer für seinen Partner attraktiv bleiben möchte, für den herrschen in der Badesaison verschärfte Bedingungen. Unser Autor kennt keinen Schmerz und geht jetzt: zum Waxing.

Veröffentlicht am 16.06.2017
Mann in Badehose.


Ich mache mir seit Jahren Gedanken, was man tun kann, damit die Liebe zwischen mir und meiner Freundin frisch bleibt. Wie man als Paar nicht in den lieblosen Modus einer nach Erdnussflips riechenden Brüderchen-Schwesterchen-Beziehung verfällt. Ich habe meine Mutter gefragt – die fast 25 Jahre verheiratet gewesen ist – und zwei Antworten bekommen. Erstens: „Den anderen immer wieder überraschen.“ Zweitens: „York, du darfst nicht bei der Körperpflege nachlassen.“

Jetzt beginnt die Badesaison. Das sind für Paare verschärfte Bedingungen. Vorher konnte man sich unter Kleidung verstecken und sich durch den Alltag schummeln; jetzt steht man plötzlich halb nackt voreinander an einem Strand und blickt sich an. Blass, komisch schüchtern, die Sonnencremetube in der Hand. Und man will nicht der sein, der beim Planschbecken-Aufpusten dem Planschbecken zum Verwechseln ähnlich sieht, kein krummrückiger Lesebrillenbesitzer, kein auf der Sonnenliege zusammengesackter Bauchnabel-nach-Kekskrümeln-Absucher. Nein.

Man will der Typ vom Anfang sein: eine schlanke, glatte, junge Gute-Laune-Version seiner selbst, von der das Salzwasser abperlt. Von der Sexiness und „Baywatch“-Power ausgehen. Ich will Sexiness. Ich will „Baywatch“-Power. Ich geh jetzt zum Waxen. Waxen ist Sport für Faule und Diät für Verfressene. Man muss nix machen. Außer einer halben Stunde leiden wie Sau. Und hat dafür, egal, in welchem pastabäuchigen Restzustand man ist, ein erotisches Grundflirren wiederhergestellt. So mein Plan.

In der Broschüre des Kreuzberger Waxing-Studios, in dem ich einen Termin habe, ist vom Silky Skin Beach Effect die Rede. Klingt sensationell. Es entschädigt auch für den optischen Eindruck, dass mein Kreuzberger Waxing-Studio nicht nach Hightech-Wellness, sondern nach dem Hinterzimmer eines Drogenkartells aussieht, wo das Hartgeld gezählt wird. „Was willsu? Bisschen Brust?“ Fragt mich eine Frau, die sich als „Leila, isch bin deine Waxing-Lady“ vorstellt. „Bisschen Brust. Klingt wie die Bestellung an einer Wursttheke, haha!“

Regel 1: Keine Witze mit der Waxing-Lady. Das rächt sich. „Das hat gar nicht weh getan. Ich glaube, ich bin generell nicht so schmerzempfindlich, ich … WU-HAAA!“

Regel 2: Sich für seine Zähigkeit loben, wenn das Wachs aufgeschmiert, aber noch nicht abgerissen wurde, ist keine gute Idee. Leila hält mir ein Stück Papier hin, an dem mein Brusthaar baumelt wie eine skalpierte Maus.

Zwei Tage später liege ich mit meiner Freundin am Strand. Mein Körper hat die glatte Oberfläche eines Torpedos, eines sehr wunden, auch etwas roten, ja, meinetwegen auch leicht entzündeten Torpedos, aber das sind Details und Opfer auf dem Altar der Körperpflege. Ich habe zwar noch immer einen kleinen Bauch, aber er ist Teil eines glatten Torpedo-Gesamtkonzepts.

Ich bin diesen Moment im Geist mehrmals durchgegangen. Ich ziehe mein T-Shirt aus, meine Freundin macht das Fauchgeräusch einer hormonell verwirrten Katze und fragt: „Wow! Ist das Silky Beach Skin?“ Worauf ich „Absolut“ antworte und eine Barry-White-Melodie summe, Kellner Drinks in halbierten Kokosnüssen bringen und wir Hand in Hand durch die Wellen hüpfen wie Verliebte in der Parship-Werbung.

Doch in Wahrheit passiert das hier: Ich ziehe mein Shirt aus. Keine Reaktion. Ich creme mich lächerlich langsam ein, auch das ändert nichts. In mir steigt die Pampigkeit eines Teenagers auf, der vom Tätowieren kommt, und keiner merkt’s. Wink mit dem Zaunpfahl: „Jemand war hier wohl beim Waxen?“ Meine Freundin, im Bikini, blickt mich an. „Ja, letzte Woche.“ Ein kleines Lächeln im Gegenlicht. „Was man eben so füreinander tut.“ Ein sehr guter Moment, der erste Tag der Ferien. Ich lächle zurück. Was man eben so füreinander tut.