Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Pärchenabend

Oh Gott, plötzlich sitzt man mit einem befreundeten Paar zu Hause – und redet wie die eigenen Eltern. Unser Kolumnist York Pijahn ist entsetzt.

Veröffentlicht am 18.08.2017
Zwei Spielkarten und Kaffeetassen.

Pärchenabend – top oder flop?


Ich verwandle mich. In meinen Vater. Ich stehe an der Tür meiner Wohnung, neben mir meine Freundin. Wir gucken ins Treppenhaus. Sehen Caro und Sebastian, die mit Blumen und einer Weinflasche unterm Arm die Treppe hochstapfen. Ich denke: Junge, ist Sebastian fett geworden. Und: Caro müsste echt mal zum Friseur. Dann rufe ich: „Hallo-ho, ihr zwei Hübschen!“ Wahnsinn. Ich rede sonst nie so. Meine Mutter redet so, Peter Alexander redete so, Karin und Edmund Stoiber reden sicher so, wenn sie zwei befreundete Rentner zum Mau-Mau-Spielen einladen.

Ich habe ein altes T-Shirt angezogen, um unangepasst auszusehen, und meine Haare kreativ verwuschelt. Meine Freundin und ich haben unseren ersten Pärchenabend. Caro und Sebastian, die wir auf einer Party kennengelernt haben, kommen zum Essen. Auf der Party waren sie nett, angeschickert, auf eine tolle Art laut. Jetzt sind sie hier.

„York, zeig den beiden doch mal die Wohnung“, ruft meine Freundin aus der Küche. Ich lege die Art Grinsen auf, die man von Sascha Hehn kennt: Schwiegersohn mit dem Augenzwinkern. „Hier lang, die Herrschaften!“ Herrschaften? Was passiert mit mir? „Die Tapeten haben wir abgemacht“, sage ich und tätschele die Wohnzimmerwand wie die Flanke eines Rennpferds, worauf meine Freundin ruft: „Raufaser fanden wir spießig.“ Sebastian und Caro nicken dankbar und entern mit uns das Themenfeld Einrichtung der Pärchenwohnung.

Wer hätte gedacht, dass ich samstagabends mal über Energiesparlampen und Ceranfelder reden werde? Meine Freundin kommt mit Gläsern, wir gucken uns an, allen vieren ist klar: Wir sitzen im gleichen frisch abgeschliffenen Altbauwohnungs-Pärchenboot.

Als wäre es 1977 und als gäbe es gleich Toast Hawaii, zieht meine Freundin mit Caro in die Küche ab. Ich hocke neben Sebastian auf dem Sofa und haue meine drei Standardthemen raus, nach denen ich greife, wenn ich nervös bin und weltgewandt wirken will. Meine Freundin nennt das Lifestyle-Klugscheißerei.

Erstens: das Hinterland von Mallorca – Geheimtipp für wenig Geld. Zweitens: Bio-Fleisch – da weiß man, was man hat. Drittens: meine Lieblings-Kindervornamen – Marie, Lena, Max, Emil. Sebastian legt ein „Clara und Charlotte sind auch schön“ obendrauf und den unfassbar geheimen Geheimtipp, dass man auf La Gomera toll wandern kann. Könnte man unser Gespräch anfassen, würde ich sagen: Es klebt. Und ich bin immer noch Peter Alexander.

Meine Freundin kommt mit dem Essen und hat eine Schürze um. „Noch ein Tropfen von dem vino?“, frage ich. Seit wann sage ich vino? Sebastian und Caro sind offensichtlich alte Pärchenabend-Hasen und wollen uns zeigen, wie verliebt sie sind. Er: „Ich hätte gern den Pfeffer, Liebes.“ Sie: „Aber nur, wenn ich einen Kuss bekomme.“ Normalerweise macht meine Freundin bei so was ein Kotzgeräusch. Aber plötzlich liegt Wettbewerb in der Luft. Wer ist das glücklichere Paar? Ich nenne meine Freundin für den Rest des Abends Schatz, außerdem halten wir beim Essen Händchen.

Espresso, Sofa, Grappa, Kerzen. Meine Eltern hatten oft Gäste, ich konnte sie vom Kinderzimmer aus hören und fand das immer sehr gemütlich. Meine Eltern veranstalteten Pärchenabende, als sie so alt waren wie ich heute. Später verabschieden wir uns im Flur. „Das war schön, das sollten wir mal wieder machen“, sagt Caro und hakt sich bei Sebastian ein. Und ich sage: „Tolle Idee.“ Meine Augen finden die meiner Freundin. „Oder …, Schatz?“