Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Schenk mir Schmuck!

Als Mann für seine Freundin Schmuck zu kaufen, ist kompliziert, anstrengend – und es macht seltsam süchtig. Ein vorweihnachtlicher Shopping-Trip mit York Pijahn.

Veröffentlicht am 14.12.2017

Seiner Freundin Schmuck kaufen, um zu glänzen? Kann auch schiefgehen.


"Guten Tag, ich hätte gern einen Ring für meine Freundin.“ Ich stehe im Verkaufsraum eines der elegantesten Juweliergeschäfte Berlins. Hier sieht’s aus wie in einem Science-Fiction-Beerdigungsinstitut für Superreiche: schwarz lackierter Tresen, indirekte Beleuchtung, die den ebenfalls schwarz gekleideten Verkäufer mir gegenüber effektvoll strahlen lässt. Man fängt automatisch an zu flüstern. Ich bin in Chinos, Rollkragenpullover und Turnschuhen zu rund 5000 Prozent underdressed und fühle mich wie ein Pizzabote auf der Kommandobrücke von Darth Vader.

Ich habe meiner Freundin in den letzten Jahren Bücher, einen Sessel, Ponchos, Sonnenbrillen und eine Zeichnung von uns beiden auf einem Bierdeckel geschenkt, für die ich in der Kategorie „Krakelige Liebesbeweiskunst“ gefühlte sieben von zehn Punkten bekam. Dann war mein Kreativpulver verballert und ich bin auf H & M-Gutscheine umgestiegen, was in Sachen Herzenswärme ja so hochtemperiert ist wie das Verschenken einer abgelaufenen Bahncard. Vor einem Monat habe ich mich daher entschlossen, das Ruder rumzureißen. Und meiner Freundin Schmuck zu kaufen. Das Ausrufezeichen unter den Geschenken. Ich habe noch nie in meinem Leben Schmuck gekauft; seit drei Wochen bin ich auf der Suche nach dem richtigen Stück.

Schmuck schenken setzt ein bisschen stumpf auf den Schatztruhen-Wumms von Gold und Silber, auf den kalkulierten Effekt. Andererseits hat es für Männer einen nicht zu unterschätzenden Playboy-Appeal, etwas Gunter-Sachs-haftes. Man stellt sich vor, dass man so zu dieser Sorte Gentleman wird. Juweliere scheinen diese außer Kontrolle geratene Fantasie gut zu kennen und nutzen sie gnadenlos aus. Der Darth Vader im Berliner Juweliergeschäft zeigt mir einen dürren Silberring, der von bröseligen Dia­mantkrümeln umgeben ist. Er sieht tussig und billig aus. Wie etwas, das zu French Nails und Schneidezahn-Brillis passt. Der Ring ist eine Beleidigung. Und, wie ich vermute, ein Standardtrick, um Typen wie mich zu noch mehr Großmannssucht zu verleiten. Vollkommen durchschaubar. Und funktioniert hundertprozentig.

„Der ist zu klein, mein Budget ist 3000 Euro, zeigen Sie mir doch etwas Flotteres.“ 3000 Euro, ich wollte maximal 300 ausgeben. Was Flotteres? Wahnsinn. Als Nächstes legt der Verkäufer auf die schwarze Samtunterlage zwischen uns einen Ring, der wie eine verchromte Autofelge aussieht. Ganz objektiv das hässlichste Schmuckstück, das je hergestellt wurde, seine schiere Größe fegt aber alle Argumente vom Tisch. Außerdem freue ich mich über den Satz, dass es ihn in Weißgold und – hurra! – Platin gibt. „Sind Sie ein Platintyp?“, fragt mich der Verkäufer verschwörerisch, wie ein Professor, der bei mir eine Sonderbegabung erkannt hat. „Dazu gäbe es auch passende Ohrringe. Als Ensemble.“ Meine Freundin mit Autofelgen-Ohrringen. Sie hat nicht mal Ohrlöcher, aber den Punkt, ob das am Ende eigentlich auch ihr gefällt, hab ich längst hinter mir gelassen. Ich bin ein Platintyp, Teil des internationalen Juwelen-Jetsets und fühle mich spitze.

Wir sind auf der Zielgeraden des Verkaufsgesprächs, als mich meine Freundin auf dem Handy anruft. Das Geräusch wirkt deplatziert wie ein rasselnder Wecker in einem Meditationsseminar. „Wo steckst du?“ – „Shoppen.“ – „Und was?“ – „Alles mögliche.“ Der Autofelgen-Ring wirkt plötzlich überdimensioniert und, obwohl teuer, seltsam billig. Zwei Wochen später bekommt meine Freundin von mir eine Kette samt graviertem, silbernem Anhänger. Darauf zwei Zeilen, schmale Druckschrift. Sie liebt dieses Lied seit Jahren, das ironische Zwinkern, den lasziven Trotz, den platinblonden Glamour. Sie trägt den Anhänger jetzt jeden Tag. „Diamonds are a girl’s best friend.“