Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Serienklugscheißer

Unser Autor ist süchtig nach Serien. Alles wäre gut, gäbe es da nicht seit Neuestem den Serienklugscheißer im Freundeskreis. Seitdem muss er „Borgen“ auf Dänisch gucken – zum Verzweifeln.

Veröffentlicht am 20.01.2017
Illustration von einem Pärchen, das DVDs schaut.

Die Seriensucht stellt York Pijahns Leben auf den Kopf – er schaut selbst im Büro DVDs.


„EINE NOCH?“, frage ich in die Dunkelheit hinein. Der Fernseher strahlt hellblau das Gesicht meiner Freundin an, die neben mir auf dem Sofa liegt: groggy wie jemand, der im Wartebereich eines Flughafens übernachtet. Es ist Mittwoch, halb zwei. In fünf Stunden klingelt der Wecker, ich werde ins Büro radeln und so tun müssen, als sei ich wach. „Eine noch?“ – „Klar.“ Meine Freundin klingt müde, aber da ist so eine Restgier zu hören. Noch eine DVD, dann ist die erste Staffel unserer neuen Lieblingsserie, die von einem Polizisten in Kentucky handelt, vorbei. Wir grinsen uns in der Dunkelheit an: fertig – und glücklich. Play.

Mein gesamter Freundeskreis ist, um es mit den Worten meiner Freundin zu sagen, „so was von druff“. Seit drei, vier Jahren sind wir süchtig nach DVD- Serien. „Dr. House“, „Game of Thrones“, „Homeland“, „How I Met Your Mother“, „Downton Abbey“. Die Frage „Was machen wir heute?“ wurde von „Was gucken wir heute?“ abgelöst. Als ich rausfand, dass ich auch auf dem Laptop im Büro Serien gucken kann, war das ein Quantensprung, ähnlich dem Gefühl, das ein Kind hat, wenn es merkt, dass der Schokoriegel-Automat kostenlos Snickers ausspuckt. Ich habe mir seitdem angewöhnt, über Kopfhörer eine Folge pro Tag im Büro zu gucken, manchmal zwei, drei, aber nur, wenn es regnet.

Letzte Woche haben meine Freundin und ich eins unserer „Billy“-Regale in unserem Wohnzimmer von Büchern befreit und Platz für mehr DVD-Boxen gemacht. Es hat dem Raum diese cordhosige, nach Earl Grey riechende Angeber-Kultiviertheit genommen. Jetzt sieht er aus wie das Jugendzimmer eines teigigen Teenagers, der morgens Cola aus Zweiliterflaschen trinkt. Die Seriensucht stellt mein Leben auf den Kopf – aber ich bin so glücklich wie ein Baby unter der Wärmelampe.

Alles war gut, bis ein neuer Typus meinen Freundeskreis betreten hat: der Serienklugscheißer. Er hat alles schon gesehen, er kannte „Mad Men“ bereits, als alle anderen noch „Ein Colt für alle Fälle“ geguckt haben, er kennt jeden Schauspieler und kann Passagen seiner Lieblingsfolgen im Wortlaut aufsagen. Der Serienklugscheißer hat früher als Musikklugscheißer auf Partys die Namen von unbekannten Bands auf seine Zuhörer abgefeuert, um sie dann mit einer speziell angerührten Art von Herablassung einzuschmieren. Mein Freund Felix war jahrelang der spaßbefreite Gott unter den Musikklugscheißern. Jetzt macht er in DVDs.

Laut Felix muss man die dänische Polit-Serie „Borgen“ natürlich auf Dänisch sehen (was so freudvoll ist, als würde jemand alle Produktnamen aus dem Ikea-Katalog vorlesen). Er doziert darüber, mit wem „Dr. House“-Darsteller Hugh Laurie zur Schauspielschule gegangen ist. Es wirft nicht gerade ein besonders vorteilhaftes Licht auf meinen Charakter, aber ich lasse mich davon tatsächlich beeindrucken, meine Freundin und ich haben von Felix mehrere Serien bekommen, die wir jetzt abarbeiten müssen, damit ich mitreden kann.

Meine Freundin, die, seit ich sie kenne, ein großes Misstrauen hat gegen „den Trendschwachsinn von deinem Hipster-Freund Felix“, war gestern dran, die neue Serie auszusuchen, die wir die nächsten Abende gucken werden. „Wird eine Überraschung.“ Gitarrenakkorde. Ein Springbrunnen in New York. Chandler, Joey, Ross, Rachel, Monica, Phoebe hopsen um ihn herum. „Friends“, erste Staffel. Es ist nicht hip, es ist nicht mal retro, es ist nicht angesagt, es macht einfach nur Spaß. Ich grinse in der Dunkelheit. Play all.