Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Sich selbst vom Haken lassen

Lieber blaumachen als durchdrehen. Dachte sich unser Kolumnist York Pijahn und schwänzt für einen Tag die Arbeit, um mal richtig auszuspannen. Ganz einfach, oder?

Veröffentlicht am 12.01.2018
Illustration Seele baumeln lassen

Einfach mal die Seele – und sich selbst – baumeln lassen.


Mein Freund Holger ist Therapeut in Hamburg. Er hat mir vor Jahren sehr geholfen, als ich seelisch in der Patsche saß. Mein Vater war gestorben, meine Freundin, das Biest, hatte mich verlassen. Ich saß jeden zweiten Dienstag in Holgers Praxis. In einem Sessel neben einem Taschentuchspender, den ich die Heul-Box nannte und bei dem ich mich großzügig bediente. Ich fand’s super.

Obwohl ich keine Termine mehr bei Holger habe, denke ich trotzdem oft, was er zu allem Möglichen sagen würde. Ich denke allerdings auch beim Autofahren oft, was mein früherer Fahrlehrer aus Bielefeld zu allem Möglichen sagen würde. Zum Beispiel zu meinem lässigen Einsatz des Schulterblicks auf der Autobahn. Vermutlich bin ich einfach autoritätsgläubig. Oder habe Stimmen im Kopf. Holger hatte immer einen großen Fundus an Alltagstipps parat, nach denen ich mich seitdem richte, obwohl sie alle nach Instagram-Spruch klingen: sich selbst vom Haken lassen, du musst gar nix, Dankbarkeit. Ich habe die Tipps sogar als Zettel in meinem Portemonnaie, auch wenn ich darüber gern Witze mache.

Einen Tipp allerdings habe ich immer ignoriert – weil ich ihn kindisch fand: regelmäßig blaumachen. Holger hat oft erzählt, dass sich viele seiner Patienten irre arbeiten. Und in Abständen blauzumachen sei das naheliegende Gegenmittel, „auch wenn es schwerer falle, als man glaubt“. Da sich in meinem Umfeld gerade alle tatsächlich irre arbeiten, inklusive mir, mache ich jetzt einen Tag: blau. Los geht’s.

Ich tippe eine Mail an meine Chefin, in der ich im weinerlichen Ton behaupte, unsere Kinder hätten Läuse und ich vermutlich auch. Es ist 9.40 Uhr. Ich rufe „Jemand zu Hause?“ durch 110 Quadratmeter Altbauwohnung. Keine Antwort, der Kühlschrank summt, sonst nix. Ich komme mir vor wie jemand, der in ein leer stehendes Ferienhaus eingebrochen ist und keine Ahnung hat, wann die Besitzer wiederkommen. Ich will Spaß haben – aber bloß keine Zeit verplempern, ich habe ja nur den einen Tag. Und mache daher alles gleichzeitig. Ich stelle den Laptop aufs Klo und schalte „Game of Thrones“ an, steige in die heiße Badewanne.

10.30 Uhr. Ich hätte jetzt Zeit für meine Hobbys. Die da sind: Oh, was sind meine Hobbys? In schleimigen Bewerbungsschreiben behaupte ich immer: Sport, Literatur, Reisen, weil es nach Schlauberger-Akademiker in der Lebensmitte klingt – alles gelogen. Aber Online-Shopping, Netflix und Aufräumen klingt einfach zu ambitionslos. Ich gehe im Bademantel in der Wohnung spazieren, es müsste jetzt toll sein, ist aber nur langweilig. Ich bin zu blöd, einen freien Tag zu genießen. Mein sechsjähriger Sohn hat die Hobbys: Äste sammeln, alles von Lego, Schwerter. Ich bin neidisch und irritiert, dass ich anscheinend keine Hobbys mehr habe, und sortiere unsere Gewürzstreuer.

11 Uhr, was mache ich mit dem Resttag? Da ich an Nicht-Blaumach-Tagen oft maule, dass ich gern mal nix machen würde, lege ich mich aufs Sofa, mache eine halbe Stunde nix, und zwar mit aller Kraft. Power-Nix-Machen, Extrem-Blaumaching sozusagen. Es funktioniert: gar nicht. Ich denke an die Arbeit, Steuer, Versicherungszeug und stelle mir schließlich vor, wie ich von heute an verlottere. Mich in eine Bademantelexistenz verwandele, weil ich mich aus dem Arbeitsrhythmus gebracht habe und die Füße nicht mehr zurück ins Hamsterrad wollen. Und ich als Big Lebowski-Lookalike die soziale Rolltreppe abwärtsfahre. Es wäre eigentlich lustig – wenn es nicht so jämmerlich wäre.

Und dann? Tue ich die Dinge, die Holger mir gesagt hat, die Tipps vom Portemonnaie-Zettel: Ich lasse mich selbst vom Haken. Ich muss nämlich gar nix. Ich mache Musik an und setze mich im Parka auf den Teil des Balkons, der Wintersonne hat. Der Nachmittag atmet aus. Ich mache blau. Danke übrigens.