Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Unter Frauen

York Pijahn hat jahrelang in Männer-Großraumbüros gearbeitet und wechselt nun: in ein reines Frauenbüro. Jetzt hat er den Salat!

Veröffentlicht am 16.11.2017

Im Frauenbüro: „Es duftet nach Tee, Blumen und teurer Creme“


Männer machen eine Menge Dinge, auf die sie in der Tiefe ihres Herzens keine Lust haben. Sie tun sie, um möglichst testosteronig rüberzukommen. Mein Lieblingsbeispiel: das Männer-Großraumbüro. Hier ist der Druck, raubeinig zu wirken, gewaltig. Deshalb steht in jedem Männer-Großraumbüro ein Tischfußball-Kicker in der Nähe einer halb leeren Kiste Bier, in der Nähe einer kaputten Dartscheibe, deren Pfeile vor Jahren hinters Faxgerät gesegelt sind. All das soll eine rustikale-Kinderzimmer-meets-englischen-Hooligan-Pub-Atmosphäre verbreiten. Obwohl es am Ende immer aussieht wie ein depressives Jugendzentrum – in dem keiner Bock hat, die Pfandflaschen zurückzubringen.

Ich habe jetzt die Seiten gewechselt. Nach Jahren in Männer-Großraumbüros habe ich seit drei Wochen einen Schreibtischplatz zur Miete in einem Großraumbüro voller Frauen. Umgebaute Fabrik­etage, weißer Holzfußboden, lindgrüne Tische, alles wie aus dem Ausmalbuch. Es riecht nach Tee, Blumen, irgendwas Teurem zum Eincremen, Waschmittel. „Nach Frauen“, sagt meine neue Kollegin Sandra, die das Büro mit zwei Kolleginnen gegründet hat. Ich habe mir eine mentale Notiz gemacht, ein Raumspray namens „Frauen“ auf den Markt zu bringen und damit Milliardär zu werden.

Ganz ehrlich: Als einziger Mann im Frauenbüro ist der Impuls, auf dicke Hose zu machen, kaum niederzukämpfen. Man ist nicht nur der Hahn im Korb, sondern auch der Einzige, der mit seiner zupackenden Art den Laden mit dem Kerosin seiner Aura betanken kann. Ich habe am ersten Tag unaufgefordert den Kopierer zu reparieren versucht und meine Lieblings-Büro-Playlist etwas lauter gedreht, um für positive Stimmung zu sorgen. Fazit nach Tag 1: Manche Kopierer sind gar nicht kaputt, man muss sie nur einschalten, und es gibt Leute, die Frankie Goes to Hollywood nur mittelgut finden. Doch das wirklich Verwirrendste in meinem neuen Büro ist der Tonfall. Die männlichen Kommunikationsregeln sind außer Kraft gesetzt, die da wären: Gib allen Kollegen Spitznamen aus der Tierwelt. Sag niemals Danke, bezichtige alle Kollegen auf eine Schulterklopfart der Faulheit und der Inkompetenz. Pupsen ist ein Zeichen der Vertrautheit – auf der Teambuilding-Skala eine glatte zehn.

All das ist jetzt vorbei. Ich arbeite in einer femininen Blase der Freundlichkeit, des Nicht-Herumbrüllens, des Nicht-in-der-Konferenz-Fakten-Ausdenkens, Letzteres eine meiner früheren Spezialitäten. Überraschenderweise bekommt man auf diesem Weg eine Menge geschafft. Ich habe gelesen, dass laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey von Frauen geführte Firmen im Schnitt 41 Prozent höhere Kapitalrenditen erzielen – und das mit einem Zähneknirschen zur Kenntnis genommen.

Nachdem Bürotag 1 ja etwas schleppend verlief, habe ich meine Strategie geändert. Und versuche jetzt den Büro-Lifestyle meiner Kolleginnen zu imitieren. Und zu übertrumpfen. Ich esse zerschnippeltes Gemüse, dauernd, schon im Fahrstuhl. Da ich trotzdem mittags noch mal mit den Kolleginnen Salat esse, ist mein Magen ab 15 Uhr so übersäuert, dass ich wie all die anderen Tee in Krankenhausmengen aus Metallkannen trinke. Ich habe mir außerdem angewöhnt, wie die anderen barfuß und im Schneidersitz auf meinem Bürostuhl zu sitzen – für einen Mann von 1,91 Metern ist das bequem wie ein Nacktverhör auf einem weißrussischen Gefängnishocker.

Bürochefin Sandra hat mir gestern gesagt, dass übrigens bald noch ein zweiter Mann mit ins Büro kommt. Ich werde mein Thermalwasser-Gesichtsspray verschwinden lassen und dem Plautzenbär nach einem mit voller Kraft ausgeführten Schulterklopfer vorschlagen, gemeinsam einen Kickerraum einzurichten. Welcher Mann könnte da Nein sagen?