Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Urlaub in beige

Die Mutter unseres Autors hat eine neue Herzklappe und macht Reha-Urlaub. Beim Besuch macht sich ihr Sohn Gedanken über das Design der Klinik und eine Farbe: beige.

Veröffentlicht am 27.01.2017
Illustration von einer alten Dame im goldenen Jogginganzug.

Die Frau im goldenen Jogginganzug.


Meine Mutter hat gerade eine neue Herzklappe bekommen. Fünfstündige Operation. Mein großer Bruder hatte versprochen, mich gleich nach der OP anzurufen. Einen Freitag lang saß ich neben meinem Handy. Man wartet. Trinkt einen Schluck Wasser. Guckt aus dem Fenster, aber eigentlich nur vor die Scheibe. Hofft, dass dies nicht der Tag ist, an dem alles den Bach runtergeht. Und man macht dem lieben Gott kriecherische Angebote: Wenn meine Mutter das übersteht, mach ich für immer alles. SMS von meinem Bruder: „Es ist gut gelaufen.“ Ich mach jetzt für immer alles.

Drei Wochen später stehe ich in einer Reha-Klinik in Ostwestfalen, einer Mischung aus Kurhotel und rumpeligem Krankenhaus. Draußen ein Tal mit Kieswegen, drinnen eine Sitzecke, in der meine Mutter wartet. Mama ist für einen Monat in der Reha und ich bin zu Besuch. „Na, dann können Sie ja das Wochenende bei uns im Gästezimmer wohnen“, hatte mir die Stationsschwester am Telefon vorgeschlagen. „Danke, ich geh ins Wellnesshotel im Nachbarort.“ Den Satz hatte ich kurz in meinem Kopf Probe gehört – und dann durch „Super, ich nehme das Gästezimmer“ ersetzt. Ich mache jetzt immer alles. Willkommen im Reha-Urlaub.

Umarmen, Frisur loben, Pralinen überreichen. Meine Mutter sieht beige aus wie die Möbel um sie herum. Wie der Teppich unter ihr und der Käsekuchen vor ihr. Man hört förmlich den Innenarchitekten, der die Reha designt hat, sagen: „Kommt, wir machen alles beige! Das finden alte Leute super. Ein optimistisches, spritziges Neue-Herzklappen-Beige!“ Man spürt, dass man die Rollen getauscht hat. Die Frau, die früher im Licht der Nachttischlampe an der Bettkante auf einen aufgepasst hat – liegt jetzt im Bett. Und man selbst sitzt seltsam älter und seltsam ratlos an der Bettkante.

Um das zu überspielen, bespaße ich meine Mutter mit Volldampf. Wir spielen Rommé und ich lasse Mama zu offensichtlich gewinnen. Ich mache Faxen vorm Fahrstuhlspiegel, lobe ihr Einzelzimmer zu überschwänglich, obwohl es so hässlich ist, dass man darin höchstens kaputte Gartengeräte aufbewahren würde. Beim Abendessen im Speisesaal stellt mir meine Mutter drei Frauen vor, die ihr zum Verwechseln ähnlich sehen: Schläuche in der Nase, Strickjacken, „auch alles Herzklappen“, sagt Mama, was bei den Frauen für schnaufende Lacher sorgt. Ich spule mein Komplimente-Programm ab und spiele den Seitenscheitel-Supersohn. Was an den Frauen vollkommen abperlt. Die Herzklappen erzählen sich stattdessen Insidergeschichten über Krankenpfleger, heimliches Rauchen, sie gucken einem türkischen Gentleman im dunklen Anzug nach, der mit viel gutem Willen wie eine zerkochte Version von Omar Sharif aussieht.

Am nächsten Morgen holt mich meine Mutter in einem goldenen Jogginganzug zur Nordic-Walking-Gruppe ab. Sie sieht aus wie ein Ferrero Rocher mit Wanderstöcken. Eine der Ladys vom Vorabend trägt einen Poncho, in dem jede Farbe verarbeitet wurde, die im weitesten Sinne als Pink durchgeht. Wir biegen mit einem Dutzend weiterer Patienten in einen Waldweg ein. Als wir außer Sichtweite der Klinik sind, steckt sich der pinke Poncho verbotenerweise eine Zigarette an. Am selben Abend stehe ich neben meinem Rollkoffer in der Reha-Lobby. Durch regennasse Scheiben sieht man mein wartendes Taxi. In den Arm nehmen, versprechen anzurufen. „Und was machst du heute Abend?“, frage ich meine Mutter. Und bereue die Frage sofort. Was macht man schon abends allein in einer Reha mit neuer Herzklappe? Die Frau im goldenen Jogginganzug blickt mich direkt an. „Ich? Ich mache erst mal weiter.“