Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Verehrte Vegetarier

Eine Begeisterung für Bohnen zu haben? Für unseren Autor nicht nachvollziehbar. Er kommt aus einer Bielefelder Hackfleisch-Familie – das Leben mit Vegetariern ist für ihn eine echte Herausforderung.

Veröffentlicht am 24.02.2017
Illustration von Ivonne Kuschel.

Wenn das Schitzel die Bohnen erschreckt: Aus Vegetariern Feindbilder machen.


Die automatische Glastür gleitet auseinander, und ich kann es riechen: muffig, süßlich, klebrig. Als hätte man den Kopf in einen Jutesack gesteckt. Bio-Supermärkte riechen immer gleich; und sie riechen nicht gut. Die Filiale neben meiner Kreuzberger Wohnung macht da keine Ausnahme. Ich mag die freudlose Kuchentheke nicht, in der schlimme Dinge aus Hirse und Sanddorn liegen. Und salzfreie, butterlose, vegetarische Quiche-Stücke, die aussehen wie etwas, das ein Dreijähriger zum Muttertag gebacken hat. Ich mag den hutzeligen Secondhandlook des Gemüses nicht. Aber am schlimmsten ist das Fließband an der Kasse.

Ich stamme aus einer Bielefelder Hackfleisch-Familie. Es gab jeden Tag Fleisch – befeuert von der Überzeugung meiner Mutter, dass aus drei Söhnen nur Kleiderschränke mit der Ausdauer von Dieselmotoren werden können, wenn man ihnen viel Fleisch zu essen gibt. Mit dieser Einstellung kann man auch eine Kampfhundezucht leiten, ich weiß. Und ich vermute, ich war das einzige Kind meiner Generation mit einem Cholesterinwert wie Winston Churchill. Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich mich glücklich an einem Knochen nagen.

Meine Essgewohnheiten haben sich nicht geändert. Nutella-Toast, Joghurt, Fleisch. Viel Fleisch. Und hier liegt das Problem: Wer im Bio-Supermarkt drei Kilo Gehacktes auf das Transportband legt, ist geliefert, moralisch verurteilt. Bereits in die Fleischabteilung zu gehen, die rechts in einer Ecke eingeklemmt ist, fühlt sich mies an. Als ob man in einer Videothek immer direkt zum Porno-Regal durchginge, um zehn Filme auszuleihen. Aus den Blicken, die ich am Bio-Supermarkt-Laufband bekomme, spricht keine Liebe.

Meine Reaktion: Ich gehe mit Gewaltfantasien durch die Regalreihen, meine Freundin sagt, das läge daran, weil ich so viel Fleisch esse, das mache bekanntlich aggressiv. Ich sage, es liegt an Leuten wie dem Verkäufer Olaf. Er sieht aus, als hätte er zu Hause eine Sammlung Klettverschluss-Sandalen unterm Hochbett. Er wirft mir immer einen Blick zu, als sei ich Satans Skatbruder, und taxiert meine Einkäufe, als hätte ich das letzte Pandabären-Paar der Welt in den Fleischwolf geschoben. Umgeben von Vegetariern wie Olaf, fühlt man sich permanent zweitklassig. Besonders schlimm daran ist das Wissen, dass die Vegetarier die richtigen Argumente auf ihrer Seite haben. Und ich nichts zu entgegnen habe, außer dass ich einfach gern Hack esse. Hack, wie toll das klingt. Hack, Hack, Hack.

Um einigermaßen mit meinen Essensvorlieben umgehen zu können, mache ich aus den Vegetariern um mich herum Feindbilder, was laut einer Studie der Universität Queensland eine gängige Reaktion ist. Man will den moralisch überlegenen Vegetarier aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus von seinem Thron stoßen. In meiner Fantasie gehört Bio-Supermarkt-Kassierer Olaf zu den Leuten, die, wenn man sie zum Essen einlädt und es das feinste Steak der Welt gibt, Sätze sagen wie: „Für mich nur Bohnen, ich finde Bohnen toll, hmmm Bohnen.“ Wie mich das irre macht. Begeisterung für Beilagen. Hack, Hack, Hack.

Hinter unserer Wohnung beginnt ein Park, in dem ich abends jogge. Dass ich Olaf auf einer der Picknickdecken entdeckt habe, neben ihm ein Teller mit etwas, das wie Schweinebauchstreifen aussah, gehört zu den Augenblicken im Leben, die mich daran glauben lassen, dass im Himmel ein Gott mit Humor lebt. Ich konnte erkennen, wie Olaf in eines der ehrlich gesagt ziemlich eklig aussehenden Schweinestücke biss. Wenn ich Olaf jetzt beim Einkaufen treffe, lächle ich ihn an.