Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Vergiss es!

Namen, Gesichter, PIN-Nummern und Zahnarzttermine: Unser Autor wird mit dem Alter vergesslich. Er tut alles, um sich das nicht anmerken zu lassen, bis er sich denkt: Vielleicht sortiert unser Verstand einfach Dinge nach Wichtigkeit?

Veröffentlicht am 27.10.2017

Das Sieb im Kopf: „Mein Hirn ist ein Netz, durch das Namen und Gesichter fallen“.


York! Gut, dass ich dich erreiche, hier ist der Dave!“ Ich sitze am Schreibtisch, halte mir den Hörer ans Ohr, horche auf die Stimme, die entfernt vertraut klingt, und atme ein. Sauerstoff durchflutet mein Hirn, Glühbirnen gehen in meinem Kopf mit der Langsamkeit von Energiesparlampen an.

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum. Ich werde vergesslich – und tue alles, um es mir nicht anmerken zu lassen. Mein Kopf hat sich in ein grobmaschiges Netz verwandelt, durch das Dinge, Namen, Gesichter fallen. Muss wohl mit dem Alter zusammenhängen, ich bin dieses Jahr 39 geworden, willkommen im Sinkflug ins Land der Treppenlifter. Um mir meinen löchrigen Verstand nicht anmerken zu lassen, habe ich mir eine gespielte Begeisterung angewöhnt, sobald ich mit Leuten zu tun habe, an deren Namen und Gesichter ich mich nicht erinnere. Wenn ich am Telefon einen kleinen Aussetzer habe, geht meine Stimme zwei Oktaven hoch und schaltet auf grenzenlose Wiedersehensfreude.„Heeeeey Dave!“ Es hat sich übrigens gezeigt, dass „Hey“ eine beinahe immer passende Grußformel ist. Je länger ich das Wort in die Länge ziehe, desto mehr Zeit bleibt, vielleicht doch noch daraufzukommen, wer da vor mir steht oder wessen Stimme gerade aus dem Hörer kommt.

Vergesslich, alt, schusselig und debil zu sein ist ziemlich ernüchternd für einen Mann mit 39. Und kommt für meinen Geschmack locker 30 Jahre zu früh. Ich habe in den letzten Monaten schon dreimal eine neue PIN für meine EC-Karte bekommen. Die alte, die ich mir als Hüpfmuster auf der Tastatur des Geldautomaten gemerkt habe? Vergessen. Auf einer Party neulich habe ich mich einer sehr blassen Arbeitskollegin meiner Freundin vorgestellt, die ziemlich pampig erwiderte, wir hätten schon zweimal gemeinsam Silvester gefeiert, einmal hätte ich sogar beim Essen neben ihr gesessen und ihr Ratschläge für ihre mies laufende Beziehung gegeben. Klingt ganz nach mir, und trotzdem: vergessen. Der Satz „Mensch Eva, damals hattest du aber die Haare anders - und du hast tierisch abgenommen, kann das sein?“ machte die Sache nur bedingt besser. Ich nenne diese Strategie den „Schleimschuss ins Ungewisse“, solange das Lob über die optische Veränderung groß genug ist, komme ich meist in Würde aus der Nummer raus. Ich habe ja Vergesslichkeit heimlich immer für ein ganz charmantes Leiden gehalten. Man macht sich weniger Gedanken und damit auch weniger Sorgen, wie eine Schnecke oder Buddha: lahm, sorgenfrei. Ja, das hatte ich mir mit meinem Zwergengrips so gedacht. Ist aber nicht so. Ich werde doof, und das ist mir peinlich, was jetzt?

Ich habe im Internet recherchiert und die Studie eines Mannes namens James Brewer von der Universität Stanford gefunden. Seiner Untersuchung zufolge ist es nämlich nicht nur normal, Dinge zu vergessen. Sondern für das Gehirn überlebenswichtig. Unser Verstand sortiert Dinge nach ihrer Wichtigkeit - und die PIN-Nummer für mein sowieso ziemlich leer gefegtes Bankkonto oder die käsegesichtige Silvesterbekanntschaft scheinen auf meiner Wichtigkeitsliste nicht ganz oben zu stehen. Ich habe einfach Besseres zu tun, als mir kleine Details zu merken, ich werde nicht alt, ich sortiere meine Prioritäten.

Und Dave? Ist der neue Azubi in der Zahnarztpraxis meines Bruders, erklärte er am Telefon, wohl doch etwas überrascht von meiner hysterischen Freude über seinen Anruf. Er habe mich nur eben an meinen Zahnreinigungstermin kommende Woche erinnern wollen. Nächste Woche. Zahnarzt. Stimmt. Hatte ich total vergessen.