Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Weihnachten auf Italienisch

Mit seinem Italien-Tick geht York Pijahn selbst Italienern auf die Nerven. Am liebsten würde er dort leben - nur nicht an Weihnachten!

Veröffentlicht am 22.12.2017

„Der Panettone in der Pappschachtel sieht aus wie Barbies Atombunker“


Noch vier Wochen bis Heiligabend - und ich habe keinen Tropfen Flüssigkeit mehr im Mund. Stattdessen einen Teigball, der sich anfühlt, als hätte mir jemand eine Faust in den Mund geschoben. Eine mit kandierten Früchten gefüllte Teigfaust. „Wie schmeckt dir unser Panettone, Dottore?“, fragt der italienische Kellner mit den grauen Haaren, der aussieht wie eine Mischung aus Mario Adorf und einer in Rasierwasser gebadeten Katze. „Fantastico!“

Vor der Restaurantscheibe schiebt der Hamburger Novemberwind erste Schneeflocken vorbei. Jeder Depp, der öfter als zweimal in dem Restaurant isst, in dem ich gerade sitze, wird Dottore genannt. Jeder Depp bekommt jetzt, kurz vor Weihnachten, einen trockenen Panettone-Kuchen in einer rosafarbenen Papp-Pyramiden-Schachtel geschenkt, die aussieht wie Barbies Atombunker. Ich bin einer von den Deppen. Und ich genieße es jede Sekunde. „Schmeckt super“, sag ich und schlucke die Teigfaust runter. „Wie in Italien, so was Leckeres gibt es in Deutschland nicht.“ Ich bin das, was Stefano, der mit mir im Restaurant sitzt, einen „italiengeilen Deutschen“ nennt. Einer der Typen, die kritiklos alles zwischen Mailand und Palermo toll finden. Stefano ist ein in Deutschland geborener Italiener, mit dem ich seit dem Studium befreundet bin und dem ich mit meiner Italienliebe auf die Nerven gehe. Ich sage zur Begrüßung immer „Ciao, come stai, Steeefano?“, worauf er mit einem „Ciao, stronzo“ antwortet: Hallo, Kackhaufen. Wenn schon beschimpft werden, dann von einem echten Italiener.

Kennen Sie den Mann, der letzten Sommer in der Eisdiele jedem sein Speisekarten-Italienisch aufgenötigt hat? Den Kerl, der im italienischen Restaurant „Due espressi!“ ruft, als sei er der Don von Positano. Das bin ich. Ich liebe Italien, und zwar komplett. Die Motorroller, das Essen, die rosafarbenen Sportzeitungen, die ich mir im Urlaub unter den Arm klemme, aber für die mein Italienisch nicht ausreicht. Ich liebe die fetten Kinder, die auf Mini-Elektroautos an der Strandpromenade entlangjuckeln und von Müttern mit Rockstar-Sonnenbrillen begleitet werden. Dagegen erscheint in Deutschland alles fad, technisch, grau.

„Das ist so unglaublich naiv, York“, sagt Stefano, während er mit der Fingerspitze Panettonekrümel auf der Tischdecke zusammenfegt. „Italien ist pleite und am Arsch und du sammelst Cappuccinotassen und Panettone-Boxen.“ Weil Stefano über Weihnachten zu seinen Verwandten nach Bari fährt, sitzen wir jetzt gemeinsam beim Panettone-Italiener, kauen uns durch den Kuchen und trinken einen Verabschiedungskaffee nach dem anderen. Stefano erzählt von den Dingen, die seine Tanten an den Feiertagen kochen, und ich versuche, meine innere Liste der Dinge zu vervollständigen, die ich an Italien fantastico und an Deutschland blöd finde. Im Hintergrund quäkt ein Eros-Ramazzotti-Song.

„Deutschland ist im Winter übrigens toll“, sagt Stefano. „Mit dem Schnee und so …“ Es ist jetzt draußen ganz dunkel, ein paar Flocken wehen vorbei wie Konfetti und man kann die Kälte der Glasscheibe spüren, was sich seltsam behaglich anfühlt. Die beiden Wörter „zu Hause“ blitzen in meinem Kopf auf. Und dass ich mir oft vorstelle, woanders zu leben. Und dass dieses Fernweh immer an Weihnachten in sich zusammensackt. Zu Hause. In ein paar Wochen fahre ich nach Bielefeld zu meiner Familie. Es wird grusligen Filterkaffee geben und ein mieses Ausklappbett. Es wird wie immer sein, kitschig, sentimental - und an Weihnachten genau richtig.