Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Winterblues

York Pijahn fühlt sich seit November wie ein antriebsloser Klops. Der Winterblues ist da. Deshalb kämpft er jetzt mit einer Tageslichtlampe gegen die German Schwermut – vom Sofa aus.

Veröffentlicht am 01.12.2016
Illustration von Yvonne Kuschel.

Wie ein Fahrradreifen, der am Rahmen schleift – so fühlt sich für York Pijahn der Winterblues an.


Es beginnt mit etwas, das ich „den Matschblick“ nenne. Aus dem Badezimmerspiegel schaut mich morgens jemand an, der aussieht, als habe er in der Nacht statt einer Schlafmaske eine luftdichte Taucherbrille aufgesetzt. Das Gesicht im Spiegel sieht nicht müde aus. Sondern abgewohnt. Es hat so eine übernächtigte Jetlag-Verwirrtheit. Seit vier Jahren, immer ab Mitte November, guckt mich dieses Gesicht aus dem Spiegel an. Bocklos und beige.

Wenn man wie ich ein derart gefallsüchtiger Gute-Laune-Bolzen mit einer überbordenden Begeisterung für die eigene Witzigkeit ist, kommt der Winterblues nicht nur ungelegen. Er fühlt sich an wie ein plötzlich aufploppender Charakterfehler. Jetzt kommt’s raus, ich bin ein antriebsloser Klops. Es ist bedrohlich. Mein Leben fühlt sich wochenlang an wie ein Fahrrad, dessen Reifen am Rahmen schleifen.

Es wäre jetzt für den Gute-Laune-Anteil dieses Textes wirklich spitze, wenn ich behaupten könnte, dass ich damit auf ei­ne sehr erwachsene Tristesse-Ro­yale-Art meinen Frieden gemacht habe. Und den Winter über dank meiner German Schwermut vom Sofa aus tiefe Einsichten übers Leben erhalte, während ich Enya höre und Spekulatius esse. Ist aber nicht so. Ich finde den Winterblues einfach nur fürchterlich, er soll weggehen, die Sau. Ich klinge auf eine Buddelkisten-Kinder-Art pampig? Ich bin es.

„Du solltest deine Einstellung ändern“, sagt mein bester Freund Felix. Felix hat mehr Therapiestunden auf der Uhr als Woody Allen. Und trotzdem bekommt er sein Leben nur mittelmäßig auf die Kette, wofür ich heimlich dankbar bin, weil es ihn so angenehm menschlich macht. Er spielt in meinem Leben die Rolle, die Obi-Wan Kenobi für Luke Skywalker hat. Er weiß, wo es langgeht, auch wenn er eine Tendenz zur Klugscheißerei hat. „Du kannst den Blues ja reinlassen, wenn er vorbeikommt. Aber du solltest ihm keinen Platz anbieten.“ Felix liebt diese Wischiwaschi-Therapeutensätze, deren leuch­tenden Wahrheitskern man erahnt. Und der in diesem Fall aus simplen drei Wörtern besteht: Tu was dagegen.

Ich weiß, dass er recht hat. Ich weiß, dass ich joggen gehen, mich verabreden, eine Tageslichtlampe besorgen, mir selbst Blumen kaufen sollte. Ich tue es nicht. Ich habe mich lange gefragt, warum. Die unbequeme und meinen Charakter nicht gerade vorteilhaft ausleuchtende Wahrheit: Weil ich jedes Jahr beleidigt bin, dass mich etwas derart Triviales wie zu wenig Sonnenlicht so aus der Bahn boxt. Weil ich mir einrede, einen unglaublich feinsinnigen Spezialkummer zu haben. Und nicht das, womit rund 800 000 Menschen in Deutschland eben auch klarkommen müssen. Dem Winterblues. Hier meine von latenter Weigerung bestimmte und in jedem Jahr zum Einsatz kommende Strategie gegen miese Stimmung: Leugnen. Behaupten, dass alles super sei, extrem anstrengendes und grelles Gute-Laune-Vorspielen. Ich mache das wirklich. Es funktioniert bis genau Mitte Januar. Dann sind – hier wieder eine Formulierung meines Freundes Felix – meine „Seelen-Akkus“ alle.

Und dann tue ich kleinlaut das, was eben dran ist, wenn der Winterblues kommt: Ich kaufe mir neue Joggingschuhe und trabe durch den Schneematsch. Ich kaufe mir Blumen und eine Tageslichtlampe. Ich verabrede mich beim Stehitaliener mit meinen Freunden. Auch wenn ich zu all dem gar keine Lust habe. Es funktioniert nicht sofort. Aber wie in jedem Jahr kommt ein Moment, an dem es plötzlich heller wird, drinnen und draußen, und das Gefühl in einem aufsteigt, dass es vielleicht ein sehr gutes neues Jahr werden könnte. Felix sagt, manchmal gehe es einfach darum, weiterzumachen, sich aufzuraffen, den Blues in der Wohnung alleinzulassen. Es ist anstrengend. Ich bin ein Klops. Aber ich laufe jetzt los.