Kolumne

35? Danke für die Blumen!

„Wie alt schätzt du mich?“ Vooorsicht, wenn man sich auf dieses Spiel einlässt, kann eigentlich nur alles schief gehen. Es verlangt nämlich keine ehrliche Antwort, sondern eine gut kalkulierte Lüge.

Veröffentlicht am 06.03.2017
Eine Frau hält einen Blumenstrauß.

Nicht nur Schönheit liegt im Auge des Betrachters, sondern auch das Alter.


Eine Melodie erklingt unweigerlich in meinem Kopf, sobald mich jemand bittet, ich möge doch raten, welches Geburtsdatum in seinem Pass steht. Am liebsten würde ich dann „’54, ’74, ’90“ der Sportfreunde Stiller mit Fragezeichen pfeifen, um anschließend beherzt die Beine in die Hand zu nehmen. Eine falsche Zahl, zu hoch gepokert, lässt den eben noch so freundlichen Blick wie eine Blume welken. Wer nach seinem Alter fragt, will nämlich keine ehrliche Antwort, sondern eine Schmeichelei hören.

Es gibt auf der Welt wirklich erstaunlich wenig Fragen, auf die es keine korrekte Replik gibt. Irgendein Weiser oder Wahnsinniger kann sicher die höchste Primzahl (ein Konstrukt mit 22 Millionen Stellen), den Attraktivitätsquotienten oder eine Formel für den Weltfrieden benennen. Nur auf „Wie alt schätzt du mich?“ wird man niemals richtig antworten. Zumindest nicht richtig, ohne im Kopf zu subtrahieren – oder den Fragesteller zu brüskieren. Der wiederum muss dann rätseln, wie viele Ehrlichkeitsjahre er dazuaddieren soll. So viel Mathematik kann schon mal für Hirnsausen sorgen. Dabei geht es doch eigentlich nur um eine Zahl, die so irrelevant ist wie nie zuvor, denn das gefühlte Alter hat das reale längst abgelöst, 40 sind die neuen 30, und bei Google behauptet man glatt, bis 2045 würde die Idee der Unsterblichkeit Wirklichkeit. Was ist also tragisch an 45? Wo steckt der Affront in 57? Und wieso lässt man Wildfremde bei der Zahlenscharade mitspielen, statt sich selbst einfach ein nettes Alter auszudenken? Immerhin haben Menschen den Vorteil, nicht wie Bäume automatisch Jahresringe zu bilden.

Bei genauer Überlegung liegt das Dilemma aber auch im Auge, nein, im Alter des Betrachters. Die Altersfrage ist bis Ende 20 nie unangenehm gewesen. Auf „Wie alt schätzt du mich?“ hat man, ohne zu zögern, eine Zahl genannt. Erst als das eigene Geburtsjahr immer weiter unten auf Scroll-Listen landete, wurde daraus ein Spiegelreflex: Sehe ich womöglich älter aus, als ich bin? Wahrscheinlich sagt einem nur die Dermatologin die Wahrheit über die persönliche Optik. Selbst ein unparteiisches Gegenüber scheitert an der Aufgabe, das Alter korrekt zu schätzen. Auf der Website how-old.net kann man Fotos von sich hochladen und wird analysiert. Je nach Bild schwankt die Altersangabe bei mir zwischen 31 (danke!) und 49 (Frechheit!). Im Foyer eines großen Internet-Unternehmens übernimmt die undankbare Aufgabe des Schätzers ein Computer. Der plärrt einem gleich beim Betreten – wohlgemerkt ungefragt – nach einem flotten Gesichtsscan eine Zahl entgegen, die mehr als großzügig abgerundet ist. Wahrscheinlich besser fürs Arbeitsklima. Oder einfach ein Fehler im Algorithmus. Nach ein paar Testgrimassen vor der Computerkamera ist der Trick klar: Je weiter man entfernt steht, desto jünger macht einen der Rechner. Sollte man vielleicht im echten Leben auch so handhaben.