Konsum vs. Verzicht

Weniger haben, mehr sein

Tauschen, leihen, spenden oder bewusst verzichten? In der neuen „Sharing Economy“ geht der Trend weg vom Materialismus. Psychologe Jens Förster hat sich mit dem Phänomen befasst. Sein Vorschlag: Mehr Genießen!

Veröffentlicht am 03.01.2017
Eine Illustration von Jean Jullien

Macht Haben wirklich glücklich?


Herr Förster, Mahatma Gandhi soll fünf Dinge besessen haben: Uhr, Brille, Sandalen, Teller und Schüssel. Besitzen wir alle zu viel?
Wir sind zumindest weit davon entfernt, nur in Mönchskutte herumzulaufen. Aber gerade bei der Generation der 20-Jährigen ist eine Trendwende zu beobachten. Denen geht es um Selbstverwirklichung, um Teilzeitkonzepte und viel Freizeit.

Also weg vom Materialismus?
Ja. Es geht darum, ein gesundes Leben zu führen. Bei Menschen, die 16 Stunden am Tag arbeiten, kommt vieles zu kurz. Die belohnen sich dann mit Klamotten oder dicken Autos. Mit Dingen, die schnell und einfach zu haben sind.

Ist das tatsächlich eine Belohnung oder viel eher Kompensation?
Beides. Ein soziales Leben haben, Freunde treffen, ins Theater gehen – das ist aufwendig und erfordert Zeit und Aufmerksamkeit. Man kann stattdessen mit seinem Geld im Netz shoppen und sich so kurzfristig einen Kick verschaffen. Und weil das viele Menschen so machen, fühlt man sich in guter Gesellschaft.

Ist ein Theaterbesuch denn wertvoller als ein neuer Pullover?
Es gibt Studienergebnisse, die zeigen, dass Erlebnisse wie Theater, Kino, Essengehen langfristig glücklicher machen, als wenn man für dasselbe Geld einen Pullover kauft.

Aber eigentlich hat man länger was von einem Pulli.
Oberflächlich gesehen ja. Aber an ein schönes Essen mit Freunden in der Provence erinnern Sie sich womöglich noch in 20 Jahren – und weniger daran, was Sie an dem Tag trugen, oder an das Glücksgefühl, das Sie beim Kauf dieses Teils empfunden haben. Vor allem dann, wenn es nichts Hochwertiges war, sondern etwas, das man impulsiv gekauft hat.

Anders gefragt: Macht es uns glücklich, auf solche Dinge zu verzichten?
Es gibt wenige Menschen, die mit dem radikalen Verzicht klarkämen. Meine Tante ist Nonne, und ich glaube ihr, dass sie glücklich ist. Aber sie gehört zu einer kleinen Minderheit. Man kann sich disziplinieren, aber dauerhaft und konsequent verzichten ist schwer. Die meisten bleiben verführbar.

Es gibt Naturvölker, die nicht mehr besitzen, als sie zum Leben brauchen. Warum sind wir so verführbar?
Menschen, die in der westlichen Konsumgesellschaft groß werden, sind vorbelastet. Ob jemand wohlhabend ist, erkennt man auf den ersten Blick, fast genauso schnell wie Geschlecht oder Hautfarbe. Es ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, zu zeigen, welcher Gruppe wir angehören, ob wir erfolgreich sind. Wir wurden dazu erzogen, uns mit materiellen Gütern zu belohnen, und wir sind reich genug, um uns das auch zu erlauben.

Diesen Wohlstand können wir uns aber nur erlauben, weil er teilweise günstig woanders produziert wird.
Stimmt. Da lügen wir uns manchmal selbst in die Tasche. Aber das ändert sich gerade. Wir achten wieder mehr auf Qualität, denken Sie nur an die Popularität von Bio, Fair Trade und Veganismus. In meinen Vorlesungen sehe ich viele junge Leute mit wiederverwertbaren Wasserflaschen oder Jutebeuteln. Das kann ein Kompromiss sein. Vielleicht sollten wir einfach unsere Genussfähigkeit steigern.

Und wie steigern wir die? Nicht jeder ist ein Genießer oder ein Ästhet.
Die Idee ist, im Jetzt zu leben. Nicht zu weit in die Zukunft denken und nicht zu weit in die Vergangenheit. Bevor man an den schlimmen Scheidungstermin in zwei Monaten denkt, könnte man die Sonne genießen und den Kaffee, den man gerade trinkt. Im zweiten Schritt sollte man versuchen, die Dinge nicht negativ zu bewerten, sondern das Positive darin zu suchen.

Das dürfte Pessimisten schwerfallen. Kann man Optimismus trainieren?
Ja, indem man versucht, den Schalter umzulegen. Man kann sagen, eine Frau ist dominant, oder man sagt: Sie ist stark. Alles eine Frage der Perspektive.

Jetzt aber Hand aufs Herz: Macht Geld glücklich?
Sagen wir so: Materialisten, die keine anderen Ziele verfolgen, als Geld anzuhäufen, also weder religiöse noch soziale Werte haben, können glücklich sein. Allerdings ergibt sich bei den meisten früher oder später ein Konflikt, weil sie Arbeit und Familie vereinbaren wollen. Außerdem haben Studien gezeigt, dass beispielsweise auch Spenden glücklich machen kann.

Macht es glücklich, weil man etwas Gutes getan hat oder weil man sich gut und großzügig fühlt?
Das lässt sich schwer trennen. Aber ich halte es für wichtig, solche Normen zu haben. Das merken wir gerade in der Flüchtlingskrise. Der selbstlose Einsatz, der von vielen Menschen geleistet wird, entspricht unserem humanistischen Ideal. Und selbst wenn man in Abendrobe auf eine Charity-Gala geht und sich toll fühlt, kommt am Schluss doch ein hübsches Sümmchen zusammen.

Kann Haben süchtig machen?
Geldanhäufen betreiben viele wie Sport. Das Problem an Sport ist, dass es immer jemanden gibt, der besser ist. Und dafür muss man gewappnet sein, auch psychisch. Wenn man Geld hat, kann man sich Freiheit erwirtschaften und Lücken schließen. Es hilft gegen Einsamkeit, und ich kann ein geringes Selbstwertgefühl durch eine teure Uhr kompensieren. Das kann man traurig finden, aber es funktioniert.

Trotzdem: Wir teilen mehr, statt nur zu raffen und zu horten. Stichwort „Sharing Economy“ für Autos oder Wohnungen.
Die Wirtschaft ist schlau genug, diese Konzepte aufzunehmen. Für Tausch- und Mietbörsen gibt es einen unwahrscheinlich großen Markt. Der Punkt dabei ist, dass man sich dadurch mehr leisten kann und gleichzeitig ein gutes Gefühl hat. Wenn solche Angebote noch attraktiver werden, kann das gut funktionieren.