Kopfschmerzen

Attacken im Kopf

Kopfschmerzen und Migräne breiten sich aus. Wie wichtig (oder unwichtig) dafür Ernährung und Bewegung sind und welche Rolle die genetische Veranlagung spielt, erklärt ein Experte.

Veröffentlicht am 14.12.2016
Frau mit Kopfschmerzen.

60 bis 80 Prozent der Kopfschmerzpatienten sind weiblich.


Der Neurologe Professor Dr. Arne May, 55, leitet die Kopfschmerzambulanz der Uni-klinik Hamburg-Eppendorf. Er kennt nicht nur die verschiedenen Kopfschmerzarten, sondern auch die neuen Behandlungsmethoden.

Unser Leben ist heute viel schneller als noch vor 20 Jahren. Ist das ein Grund, warum sich Kopfschmerzen ausbreiten?
Die Sorge ist unbegründet. Etwa 14 Prozent der Bevölkerung haben Migräne, ein paar wenige leiden unter schwerwiegenden behandlungsbedürftigen Kopfschmerzen. Wissenschaftler kommen immer mehr zu dem Schluss, dass ein schmerzender Kopf vor allem Veranlagung ist.

Der Lebensstil spielt also keine Rolle?
Ob man anfällig für Kopfschmerzen oder Migräne ist, hat mit Faktoren wie Ernährung oder Bewegung erst einmal nichts zu tun – sondern mit der genetischen Veranlagung. Wie häufig diese Attacken auftreten, ist allerdings eine Frage der Lebensführung. Auslösefaktoren, die Trigger, können die Zahl steigern.

Stress ist also doch ein Auslöser?
Ja, neben Schlafentzug und Unterzuckerung.

Manche Ärzte sagen, dass schon jeder Dritte regelmäßig Kopfschmerzen hat.
Natürlich gibt es niemanden, der noch nie damit zu tun hatte. Aber selbst mit Migräne muss man nicht zwingend zum Arzt gehen. Entscheidend ist nicht, ob man sie hat. Sondern wie sehr man darunter leidet.

Wann raten Sie zum Arztbesuch?
Ab und zu Kopfschmerzen zu haben ist völlig normal. Wenn die Schmerzen aber regelmäßig auftreten, sollte man zum Neurologen gehen, um auszuschließen, dass es sich um einen Tumor, Blut­hochdruck oder ein Problem mit den Nasennebenhöhlen handelt. Und wenn es primäre Kopfschmerzen sind, die di­rekt im Gehirn entstehen, braucht man eine exakte Diagnose. Denn die verschie­denen Kopfschmerztypen werden unter­ schiedlich behandelt – in 80 bis 90 Pro­zent der Fälle können wir helfen. Gegen Migräne und Clusterkopfschmerz haben wir ein ganzes Arsenal von Medikamen­ten, sowohl für die Akuttherapie als auch zur Prophylaxe.

Sind denn die verschiedenen Typen klar zu unterscheiden?
Es gibt 240 verschiedene Kopfschmerz­ erkrankungen. Am häufigsten sind Mi­gräne, Spannungs­- und Clusterkopf­schmerz; Letzteren erkennt man sofort. Er tritt immer nur einseitig auf, ist kaum auszuhalten; eine Attacke dauert 30 bis 180 Minuten. Oft läuft dem Patienten dabei die Nase und ihm kommen die Tränen. Der chronische Spannungskopf­schmerz betrifft mehr Menschen. Jeder kennt diesen dumpf drückenden, beid­seitigen Schmerz. Aber wenn er chronisch ist, kann man ihn extrem schwer behan­deln. Manche haben ihn täglich. Leider wurde zu wenig darüber geforscht.

Wie sieht das bei der Migräne aus?
Die Betroffenen haben starke einseitige und pochende Schmerzattacken im Kopf, die oft mit Übelkeit, Licht­ und Lärmempfindlichkeit einhergehen. Bei der Behandlung von Migräne hat sich zuletzt viel getan. Medikamente können inzwischen gut helfen.

Stimmt es, dass das Thema eher Frauen betrifft?
Ja, etwa 60 bis 80 Prozent der Patienten sind weiblich. Von Cluster­ und Span­nungskopfschmerz sind mehr Männer betroffen. Weshalb das so ist, ist unklar.

Manche fürchten, Medikamente könnten die Krankheit verschlimmern ...
Bei gelegentlichen Kopfschmerzen kann man bedenkenlos Schmerzmittel neh­men. Auch bei Migräne. Da sollte man ausreichend hoch dosieren, mit mindes­tens 600 Milligramm Ibuprofen. Wer jedoch häufiger als zehnmal im Monat Schmerzmittel nimmt, kann chronische Schmerzen bekommen. Dann sollte man etwas ändern.

Und was?
Meist reichen prophylaktisch eingenom­mene Medikamente, manchmal ist eine Verhaltenstherapie der richtige Weg. Auch ein Schmerztagebuch kann be­stimmte Verhaltensmuster aufdecken, die man korrigieren kann. Menschen mit Migräne brauchen viel Ruhe, weil ihre Gehirnzellen anders mit Energie umge­hen. Allerdings fällt es ihnen schwer, Pausen zu machen, weil sie oft besonders leistungswillig und exakt sind.

Welche alternativen Behandlungsmethoden halten Sie für sinnvoll?
Jedem Dritten hilft Akupunktur. Ich empfehle auch Sport. Immer wieder kur­sieren Anti­-Kopfschmerz­Diäten. Bewie­sen ist aber nur: Je dicker jemand ist, desto mehr Attacken hat er.

Gibt es auch neue Therapien?
Viele neue Methoden nutzen die elektri­sche Stimulation von Nerven. Patienten mit Clusterkopfschmerz wird ein soge­nannter SPG­-Stimulator implantiert, um Attacken zu unterdrücken. Da­mit haben wir sehr gute Erfah­rungen gemacht. Genauso wie bei der Stimulation des Vagus­nervs bei Migräne und Cluster­kopfschmerz. Ein kleines batte­riebetriebenes Gerät wird am Hals angesetzt. Allerdings gibt es dazu noch wenige Studien.

Gegen Migräne ...
... helfen neue Immunmedika­mente – Antikörper gegen den Botenstoff CGRP, den der Trigeminus­nerv ausschüttet. In ersten Studien be­kommen nach dieser Behandlung bis zu 20 Prozent der Patienten überhaupt kei­ne Attacken mehr. Das Verfahren ist aber noch nicht zugelassen.

Botox gegen Migräne: Was halten Sie davon?
Das funktioniert bei chronischer Mi­gräne. Allerdings sind dazu mehr als 30 Injektionen nötig, die sieben Muskeln an Kopf, Nacken und Schultern lähmen. Und man muss es regelmäßig wieder­ holen.

Kritiker sagen, in den Studien hätte es auch geholfen, ein Placebo zu spritzen.
Das ist richtig, aber mit Botox ging es noch mehr Patienten besser als nur mit dem Placebo. Hohe Placebo­-Effekte sind ohnehin üblich bei der Behandlung von Schmerzen. Der Beweis, dass die Psyche einen großen Einfluss hat.

Wie gehen Sie auf Ihre Patienten ein?
In unserer Kopfschmerzambulanz neh­men wir uns Zeit, reden beim ersten Termin mindestens eine Stunde, bei den weiteren Terminen eine halbe Stunde. Das bedeutet, dass wir nur eine begrenz­te Zahl von Patienten behandeln können. Wir sind auf Monate ausgebucht.

(Interview: Dr. Christina Berndt)