Der Tod als Mainstream-Phänomen

Gestorben wird immer

Den Tod hat man sich bisher gern für den Sonntagskrimi aufgehoben. Doch neuerdings scheint das Sterben kein Tabu mehr zu sein. Haben wir einen besseren Umgang mit dem Thema gefunden? Analyse eines Phänomens.

Veröffentlicht am 29.10.2016


Ein Fernsehabend daheim. Das Handy surrt, die Freundin aus Hamburg hat ein Bild geschickt. Ein Stück Wald, der Text dazu: „Das wird mein letztes Zuhause. Eine Buche in einem Friedwald. Ein gutes Gefühl, diesen Platz zu haben!“ Nein, Petra ist weder schwer depressiv noch sterbenskrank noch in einem Alter, in dem man letzte Dinge dringend regeln müsste.

Seit wann also schicken wir uns Fotos von unseren zukünftigen Grabstätten statt Katzenvideos? Woher dieses morbide Interesse am Allerletzten? Petra ist nicht die Einzige, die sich mit dem Ende befasst. Alle Welt scheint sich plötzlich für den Tod zu interessieren. Er beherrscht den Buchmarkt, die TV- und Kinoprogramme wie kürzlich die Ver­filmung von Jojo Moyes’ Bestseller „Ein ganzes halbes Jahr“. Und er hat seine eigenen Stars hervorgebracht, wie die 31-jährige Caitlin Doughty, die in Los Angeles ein alternatives Bestattungsunternehmen leitet und aussieht wie ein cooles Rockabilly-Girl.

Gestorben wird immer und überall

Als 23-Jährige hatte sie in einem Krematorium als Hilfskraft angeheuert und ihre Erfahrungen in dem Buch „Smoke Gets in Your Eyes“ aufgeschrieben, das erst in den USA und jetzt bei uns unter dem Titel „Fragen Sie Ihren Bestatter“ (C. H. Beck) für Aufsehen sorgt. Obwohl ihr Bericht aus dem Backstage-Bereich des Sterbens alles andere als Schonkost ist. Millionen wollen es offenbar ganz genau wissen, schauen sich ihren You-tube-Ratgeber „Ask a Mortician“ an und folgen ihr als Bloggerin unter orderofthe gooddeath.com. Dort plädieren Künstler, Sterbebegleiter und Mediziner dafür, dem Tod endlich furchtlos in die Augen zu blicken und ihn als das zu würdigen, was er ist: wie die Geburt eines der wichtigsten Lebensereignisse überhaupt und gleichzeitig so alltäglich wie ein Sonnenaufgang. Auch wenn viele von uns heute vielleicht mit 40 zum ersten Mal zu einer Beerdigung gehen, steht fest, „dass in jeder Sekunde zwei Menschen auf diesem Planeten das Zeitliche segnen. Also bereits acht, während Sie den letzten Satz gelesen haben, und jetzt sind wir schon bei vierzehn“, so Caitlin Doughty.

Ja, das wussten wir: Gestorben wird immer und überall. Trotzdem hatten wir über Jahrzehnte kaum etwas so erfolgreich verdrängt. Der Tod war etwas für den Sonntagskrimi und Leute, die nicht auf sich achteten. Solche, die Lupinen bloß für Balkonpflanzen hielten, die tranken, sich ohne Lichtschutzfaktor in die Sonne legten und auf der Autobahn rechts überholten. Also nichts für uns. Sogar Wochenendtrips hatten wir besser geplant als unser Ende. Dieses Terrain war eine Gegend mit dem Vermerk „Hier gibt es Drachen“. Genau so, „wie man auf alten europäischen Karten unerforschte Gebiete markierte“, sagt Fritz Roth, Gründer einer privaten Trauerakademie in Bergisch Gladbach.

Selbst die größten Idole sind sterblich

Warum uns ausgerechnet jetzt auffällt, dass wir vergänglich sind? Vielleicht weil uns der Tod eine harte Konfrontationstherapie aufdrängt. David Bowie, Prince – wir erfahren mit Staunen, dass selbst die größten Idole endlich sind. Sogar Steve Jobs musste sterben, obwohl man es von ihm am wenigsten erwartet hätte. Ebenso wie jene, die laut Lebenserwartungsstatistik noch mindestens eine Bausparvertragslaufzeit hätten bleiben müssen: Guido Westerwelle, Roger Cicero, Miriam Pielhau. Im engsten Familienkreis erleben wir hautnah an unseren Eltern, dass „das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist“. So der Titel eines Buches, in dem sich der amerikanische Autor David Shields mit dem Sterben im Allgemeinen und mit dem nahenden Tod seines Vaters im Besonderen auseinandersetzt. David Shields, Jahrgang 1956, ist ein Babyboomer und – wie so viele seiner Generation – ein Fan des Gedankens, dass das Private veröffentlicht gehört.

Auch das ist ein Grund für die Allgegenwart des Themas: weil nun die Alt- und Post-68er ihre persönlichen Erfahrungen mit der Endlichkeit in unser aller Bewusstsein bringen. Frei nach der Devise „If you can’t beat them join them“. Das ist gut. Denn dem Tod nahezukommen hilft beim Leben. In Studien sagten Menschen, die Kontakt zu Sterbenden hatten, dass sie sich weniger fürchten. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, erkennt: Wir haben viel mehr Einfluss auf das Lebensende, als wir es uns und ihm zugetraut haben. Wir können es gestalten, uns entscheiden, wo, wie und mit wem wir die letzte Zeit verbringen: Hospiz oder daheim mit einem mobilen Palliativteam.

Und dann die zig verschiedenen Arten, unter die Erde zu kommen. Man kann sich zu einem Diamanten pressen lassen, seine Asche in einem Friedwald unter einer Baumwurzel begraben oder in die Nordsee streuen lassen. Der Tod will als einmaliges Event gewürdigt sein. Aber wo eine Wahl ist, da droht auch immer die Gefahr, das Klassenziel nicht erreicht zu haben, das Falsche getan, das Wichtigste verpasst zu haben. Nicht „gut genug“ gestorben zu sein. Hinterbliebene bereuen oft bitter, gerade in dem einen Moment das Krankenzimmer verlassen zu haben, als der geliebte Mensch den letzten Atemzug tat. Obwohl das häufig passiert, wie Ärzte sagen. „Weil Sterben etwas sehr Intimes ist. Da ist nichts anderes mehr wichtig. Das tut man ganz für sich“, so die Erfahrung von Dr. Christiane Gog, Leiterin der Palliativstation an der Frankfurter Uniklinik.

Wir kommen hier alle nicht lebend raus

Und dann gibt’s da dieses Gerücht vom sanften Tod, dass man nur loslassen muss – und, mit sich und der Welt im Reinen, zufrieden die Augen  schließt. „Das ist Sterben à la Disney“, sagt Christiane Gog, „es gibt keine Vorlage. Jeder stirbt nach seiner Fasson und nicht qualitätsnormiert.“ Auch das sollte man wissen. Und dass die Palliativmedizinerin nicht viel von dieser Glückskeks-Idee hält, jeden Tag so zu leben, als könne er der letzte sein. „Das wäre ja wie dauernd total verliebt zu sein, viel zu anstrengend.“ Klar kann man jeden Trost brauchen, den man bekommt. Und sicher ist es schlimm, dass wir hier alle nicht lebend rauskommen. Noch schlimmer aber wäre es, wenn wir das Letzte dem Kitsch überließen. In den USA hat eines der größten Bestattungsunternehmen seine Filialen mit kleinen Toast-geräten ausgerüstet, die für die Hinterbliebenen den Duft frisch gebackener Plätzchen verströmen. Das ist die Ikea-isierung des Sterbens. Doch der Tod hat was Besseres verdient: weil er neben der Liebe das größte Thema in unserem Leben ist.