Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Raus aus der Routine

Durch feste Strukturen wird das Leben einfacher – auf Dauer aber auch langweilig. Meike Winnemuth findet, immer wieder etwas Neues zu wagen und sich auf kleine Abenteuer im Alltag einzulassen lohnt sich.

Veröffentlicht am 03.05.2017
schlafende Frau Bügeleisen

Routine macht auf Dauer müde.


Ich komme aus einem Land, in dem es nur ein Gesetz gibt: Wat de Buer nich kennt, dat freet he nich (richtig: Schleswig-Holstein). Bloß nichts riskieren, schön beim Vertrauten bleiben, sicher ist sicher, könnte ja schiefgehen, das haben wir schon immer so gemacht, das wäre ja noch schöner, da könnte ja jeder kommen – muss ich weiterreden? Wenn dieses sture Beharrungsvermögen ausschließlich holsteinisch wäre, würde ich schon aus Gründen des Lokalpatriotismus kein Wort darüber verlieren, aber die Furcht vor dem Unbekannten – oder vielleicht besser: die Unlust am Neuen – ist etwas derart Universales, dass sie mich immer wieder zu kleinen Gardinenpredigten nötigt.

Dabei verstehe ich durchaus den Reiz des Vertrauten, die Wonnen der Gewohnheit, die Sicherheit der Routine. Mal ganz abgesehen von der Geborgenheit, die durch Wiederkehrendes generiert wird: Unser aller Leben würde nicht funktionieren, wenn es nicht zu einem guten Teil der Zeit auf Schienen liefe. Verlässlichkeit ist eine Errungenschaft der Zivilisation und oft auch eine Freundlichkeit den Mitmenschen gegenüber. Was ich dagegen nicht verstehe: dass so viele sich über die Langeweile in ihrem Leben beschweren und gleichzeitig hartnäckig dafür sorgen, dass es langweilig bleibt. Ich kenne nicht wenige, die jeden Morgen das gleiche Brötchen mit der gleichen Marmelade essen und jeden Mittag den gleichen Braten in der Kantine, die sich aufregen, wenn in der Zeitung mal was steht, was sie nicht schon mal gelesen haben, und die ernsthaft leiden, wenn auf ihrem angestammten Platz in der U-Bahn schon ein anderer sitzt. Die mit anderen Worten den Stammtisch im Kopf und die Eisenkugel an den Füßen haben. Und höchstens mal im Urlaub fast schon gezwungenermaßen etwas Unbekanntes wagen und danach begeistert von den unerhörten Abenteuern in der Fremde erzählen.

Dabei hat man selbst in der eintönigsten Existenz Millionen von Optionen, jeden Tag wieder, bis zum Ende des Lebens. Ich habe mal für einige Zeit jeden Tag etwas getan, was ich noch nie zuvor gemacht habe. Das reichte von ganz Banalem – mit der linken Hand die Zähne geputzt, eine andere Zeitung als sonst gekauft, afghanisch essen gegangen, bis zur Endstation meiner U-Bahnlinie gefahren und dort spazieren gegangen, im Fitnessstudio mal einen anderen Kurs mitgemacht – bis zu Dingen, bei denen es darum ging, über meinen Schatten zu springen. Ich habe mich zu Wildfremden an den Tisch gesetzt (als Schleswig-Holsteinerin!), ich bin in eine Chanel-Boutique marschiert und habe drei Tweedkostüme im Gegenwert meines Kleinwagens anprobiert. Und hatte einen der lustigsten Abende meines Lebens, als ich am Hauptbahnhof meiner Heimatstadt den Erstbesten nach seiner Lieblingskneipe fragte („Entschuldigen Sie, ich bin fremd hier …“), auf der Stelle dorthin fuhr und den Abend unter unglaublich reizenden Harley-Fahrern verbrachte. Da wäre ich sonst nie hingegangen.

Schon verstanden, oder? Es geht um den Abenteuerurlaub im Alltag, den kleinen Umweg, das Melken der Möglichkeiten – man hat nichts zu verlieren außer der Langeweile. Esst ein Croissant zum Frühstück! Gefüllt mit Schokolade, verdammt! Und der Tag wird ein anderer werden, versprochen.  

Zum Weiterlesen:

Folge 1

Folge 2

Folge 3

Folge 4