Leidenschaft Kochen

„Eine Obsession, die die Seele satt macht“

Unser Autor Peter Praschl verfolgt erstaunt, wie seine Frau sich plötzlich Hals über Kopf verliebt: ins Kochen. Leidenschaften, so die Erkenntnis, muss man leben.

Veröffentlicht am 19.10.2017

Mein Herd, meine Messer, mein Reich: Okka Rohd in ihrer Küche. 


Manchmal könnte ich sie umbringen. Sie steht in der Küche, ich sitze zwei Zimmer weiter und muss riechen, was sie vorhat. Ein Bœuf bourguignon, irgendetwas mit Karamell oder einer Menge Zimt. Mit jedem Atemzug wachsen Gier und Verzweiflung in mir. Sie quält mich, dabei liebe ich sie doch.

Sie liebt es zu kochen. Nicht schnell und einfach und drei Gänge in 30 Minuten, sondern eher wie bei einer Zen-Meditation. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn Wölfe um ihre Küche kreisen. Sie zieht ihr Ding durch, mit Schälen und Rühren und grammgenauem Abwiegen. Natürlich lässt sie mich nicht kosten. Erst wenn es fertig ist. Das kann dauern.

So ist es also, mit einer Frau zu leben, die sich eine Leidenschaft eingefangen hat. Plötzlich liebt man eine andere als jene, in die man sich verliebt hat. Damals, vor zwölf Jahren, kochte noch ich – einigermaßen gut, aber nicht besonders ehrgeizig. Wollte sie sich revanchieren, besorgte sie im Supermarkt etwas, worüber sie süß-saure Sauce aus dem Glas kippen konnte.

Dann geschah einer dieser Blitze, die manchmal durch einen Menschen fahren. Man ist ein wenig müde, man tagträumt, da trifft es einen. Ich sollte nach New York auswandern! Klavierspielen lernen! Berge besteigen! Von einer Sekunde auf die andere weiß man, wie man sein Leben umwerfen könnte – selbst wenn man bis dahin durchaus glücklich gewesen ist. Die meisten Erwachsenen wissen, wie sie damit umgehen. Sie googeln, wie viel Zeit man braucht, um Klavier zu lernen, und machen weiter wie bisher. Schließlich ist es ab einem bestimmten Alter nicht einfach, sich einer neuen Leidenschaft zu ergeben. Man hat auch so genug zu tun – der Beruf, die Kinder, die Partnerschaft, die Freunde. Also lässt man es bleiben, noch etwas Weiteres ernst zu nehmen.

Bei Okka war es anders. Nach all den Jahren mit Tiefkühlpizza wollte sie endlich herausfinden, wie ein Pizzateig wirklich sein muss. Oder wie man Schokolade so verarbeitet, dass sie außen fest wird und in ihrem Kern Lava bleibt – eine flüssige, heiße Masse, die einen fürs Leben danken lässt. Sie wollte diesen einen Traum nicht wieder begraben.

Also schaffte sie sich ein paar Regalmeter Kochbücher an und analysierte, wie Yotam Ottolenghi aus einem Haufen Gemüse und ein paar Gewürzen etwas macht, was man nie wieder vergisst. Sie fuhr durch die halbe Stadt, wenn sie gehört hatte, dass es auf einem Markt eine Tomatensorte gab, die man sonst nur in Italien bekommt. Immer öfter hielt sie mir die Schnittflächen von Roter Bete hin oder einen Teller mit Süßkartoffeln, Feigen und Ziegenkäse, Dunkelrot auf Leuchtorange. Schau doch, wie schön das ist.

Dann tat sie etwas, das ihrem Wesen widerspricht, weil sie sich niemandem aufdrängen will. Sie schickte Mails an Köche, die legendären Käsekuchen machen, ein Spargelrisotto, in das man sich reinlegen könnte, oder Windbeutel, zart wie ein Kinderkuss. „Ich muss unbedingt wissen, wie Sie das machen“, mailte sie, „könnten Sie mir das bitte beibringen?“ Verrückterweise sagten fast alle zu.

So kam es, dass wir an einem schönen Frühsommertag in einem Bistro nahe des Eiffelturms saßen und von einem Mann namens Pierre-Olivier Lenormand, der einmal französischer Junior-Dessertmeister gewesen war, großzügig bewirtet wurden, ehe er meine Tochter und mich wegschickte, um sich mit meiner Frau in die Küche zu verziehen. Als sie am Abend ins Hotel zurückkam, hatte sie so glühende Wangen, als hätte sie einen sehr überzeugenden Liebhaber gefunden. „Was habt ihr gemacht?“, fragte ich. „Riz au lait“, seufzte sie. Und dann gab es diesen Nachmittag, an dem Herr Schleich bei uns in der Küche stand – ein freundlicher Mann, der bei der österreichischen Botschaft in Berlin angestellt ist –, um ihr beizubringen, wie man wirklich Wiener Schnitzel macht (nie mit einem Fleischklopfer massakrieren, lernte ich, der ich mich jahrelang als Schnitzel-Gott aufgespielt hatte).

Es hat gedauert, bis sich bei Okka Rohd die wahre Leidenschaft herausschälte.


Weil Okka Journalistin ist, beschloss sie, ein Buch zu schreiben. „Herdwärme“ erscheint am 25. September (Kailash) und handelt nicht nur von gutem Essen und den Menschen, die ihr großzügig etwas beibrachten, sondern auch von Dingen, über die in Kochbüchern sonst nicht gesprochen wird. Es erzählt davon, wie eine gut ausgelastete Frau plötzlich von einem Wunsch heimgesucht wird, den sie nicht gleich wieder wegschiebt.

Es ist ein tolles Buch, aber selbstverständlich bin ich befangen, deshalb bis zum Ende dieses Textes kein Wort mehr darüber. Was mich betrifft, hat mich dabei etwas noch mehr beschäftigt als gutes Essen und die Expertise von Profis. Zum Beispiel die Frage, warum die meisten von uns es sich nur so selten gönnen, dem Rumoren nachzugeben, das dann und wann über uns kommt – völlig egal, ob man gut kochen, in einem Chor singen, einen Roman schreiben oder tanzen will. Man könnte es doch versuchen, und falls es nicht klappt, hätte man es wenigstens versucht. Man könnte, egal, in welchem Alltag man steckt, doch etwas für sich selbst finden, bei dem man wieder offen für eine Zukunft wird, die man noch nicht kennt. Man würde sich endlich wieder von etwas faszinieren lassen, ganz ohne Ironie und Relativierungen. Ist es nicht verrückt, dass wir auf die Glücksknöpfe, die immer wieder vor uns auftauchen, dann doch nicht drücken?

Okka hat ihren gefunden. Sie packt eine Tüte Gemüse aus, schleift ihr Messer, legt los, schon ist sie an einem Ort, an dem alles stimmt. Sie musste nicht aussteigen und möchte auch kein Restaurant eröffnen. Sie will bloß so kochen, wie Richard Gere in „Darf ich bitten?“ das Tanzen lernen will, einfach so, weil man es sich schön vorstellt, es zu können. Wahrscheinlich ist nichts so nützlich wie eine kleine nutzlose Obsession, die die Seele satt macht.