Liebe

Wie eine Affäre meine Ehe rettete

Manchmal muss man gehen, um wiederzukommen. So wie Nina, die sich nach 20 Jahren in einen anderen Mann verliebte. Die Chance für einen Neuanfang?

Veröffentlicht am 10.07.2017
Ein Pärchen liegt auf einem Bett.

Kann eine Affäre die Ehe retten?


Ich sitze am Küchentisch vor einem leeren Blatt Papier. Die Morgensonne fällt durchs Fenster, draußen blühen die Kastanien. „Weltbeste Mama“ steht auf meiner Kaffeetasse, ein Geburtstagsgeschenk der Kinder. Weltbeste Mama bin ich gern, keine Frage. Aber nicht mehr weltbeste Ehefrau. Ich suche nach Abschiedsworten an meinen Mann. Es tut mir leid wäre gelogen. Mach’s gut klingt zu beiläufig nach 20 Jahren. Es ist aus: Ist es das wirklich? Am Ende lasse ich das Blatt leer, nehme meine Reisetasche und gehe einfach. Er wird es schon merken.

„Soll das alles gewesen sein?”

Ich bin kein Mensch zum Heiraten, habe ich immer gesagt. Die Ehe meiner Eltern ist ein Desaster, ich habe mir geschworen: Werde nie zur Selbstverständlichkeit für einen anderen Menschen. Andreas und ich heiraten trotzdem, als ich schwanger bin. „Es ist einfacher so“, sagt Andreas mit der Leichtigkeit, für die ich ihn liebe. Ich vertraue ihm, werfe meine Bedenken über Bord. Wir sind ein tolles Paar – reisen um die Welt, haben viele Freunde, gute Jobs. Drei Jahre nach unserem Sohn kommt unsere Tochter zur Welt, die Traumfamilie ist komplett. Wir verkaufen die Tauchanzüge und sparen auf einen Volvo Kombi. Mit meinem Job als Umweltberaterin, den Kindern und unserem Haus habe ich in den nächsten Jahren kaum Zeit zum Nachdenken, keine Stunde für mich, aber ich mache das alles gern. Und merke gar nicht, wie ich zu einem Möbelstück in unserem zufriedenen Zuhause werde.

Vielleicht will ich es auch nicht merken. Andreas sagt abends kaum „Hallo“ und verschanzt sich hinter seinem Laptop. Ich gebe ihm Zeit zum Runterkommen. Er verlässt einfach das Zimmer, während ich mit ihm rede. Ich sage mir, dass er viel um die Ohren hat. Vor Freunden spricht er von seinem Haus und seinem Urlaub. Er meint das nicht so, sei nicht kleinlich, denke ich. Bei anderen ist er immer noch der alte Andreas – lustig, charmant, aufgeschlossen. „Du lässt dich nur bei mir gehen“, sage ich nach einer Party. „Was willst du? Ich bin müde“, antwortet er genervt. „Glaub nicht, ich hätte Angst vor dem Alleinsein“, sage ich ein andermal. Er sieht nicht mal vom Handy auf, schüttelt abwesend den Kopf. Und während wir uns anschweigen, frage ich mich: Soll das alles gewesen sein?

Der andere Mann

Wir trennen uns nie wegen eines Dritten, habe ich am Anfang gesagt. Nur wenn es zwischen uns nicht mehr stimmt, ist da Raum für andere. Der andere heißt Torsten und ist neu im Büro. Er ist ganz anders als Andreas, eher Anzugträger als Jeanstyp. „Hallo, wir kennen uns noch nicht“, sagt er und hält meine Hand einen Moment zu lang fest. Im Weitergehen dreht er sich noch mal halb nach mir um. Oder bilde ich mir das alles ein? Natürlich ist das albern, die Reaktion einer vernachlässigten Frau, sage ich mir. Das ändert nichts an dem Gefühl, plötzlich wieder begehrenswert zu sein. Bei einer Firmenfeier sitzen wir am selben Tisch. Ein Kollege stichelt, er sei ja viel stiller als sonst. Torsten lächelt und sieht zu mir rüber. Jemand zieht in meinem Kopf die schweren, staubigen Vorhänge auf und lässt wieder Licht in mein Leben. So fühlt sich das an.

Einmal bringt Torsten mich mit dem Auto nach Hause. Er stellt den Motor ab und sieht mir tief in die Augen, will gerade etwas sagen, da schnappe ich meine Handtasche und bin draußen. Ich bin noch nicht so weit. Es dauert Monate, bis mehr passiert. Wir haben beide Termine, die wir absagen, und fahren zu ihm nach Hause. Im Badezimmer stehen ein paar Flakons mit Rasierwasser. Auch das von Andreas. Ich schiebe es nach ganz hinten.

„Dies ist jetzt mein Leben”

Mein Mann ahnt, dass er nicht mehr der Mittelpunkt meines Lebens ist. Als ich eines Morgens aus dem Bad komme, erwische ich ihn mit meinem Handy, auf dem es nichts zu entdecken gibt. Er tobt trotzdem. Hat er Angst, mich zu verlieren, oder ist es nur gekränkte Eitelkeit, frage ich mich ohne jede Panik. Je mehr er tobt, desto ruhiger werde ich. So kenne ich mich gar nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, genieße ich die Stärke, die in dieser Ruhe liegt. Ich habe beschlossen, ihm nichts von Torsten zu erzählen. Dies ist jetzt mein Leben. Er hat 100 Chancen ungenutzt gelassen, mir nahe zu sein. Ich spüre kein Verlangen, Schuldgefühle abzuladen, und will auch keine Absolution von ihm. Meine Untreue kann ich selbst verantworten. Sie tut mir gut.

Und es geht mir weniger um Torsten als um das Gefühl, gewollt zu werden. Wir sind grundverschieden. Er mag Routinen, hat eine Stammkneipe und geht dreimal die Woche zum Sport. Wenn er anruft und ich nicht gleich ans Telefon gehe, versucht er es im Fünfminutentakt, bis ich antworte. Auf Dauer würde mir mit ihm die Decke auf den Kopf fallen. Aber gerade weil ich das weiß, bemühe ich mich nicht, ihm zu gefallen. „Hast du mich vermisst?“, fragt er. „Nein, aber es ist schön, dass du jetzt hier bist.“ Er mag meine Ehrlichkeit, die ihn oft zum Lachen bringt. Ich mag die Frau, die ich bei ihm bin. Mein altes Ich, das ich fast vergessen habe. 

Zu zweit und doch alleine

Wie es weitergehen soll, weiß ich nicht. Aber nach dem nächsten Streit mit Andreas ziehe ich aus. Erst zu einer Freundin, dann in eine kleine Wohnung in der Nähe. Unsere Kinder haben jetzt zwei Zuhause. Andreas’ Welt kommt ohne mich ins Wanken. Er öffnet mir in einer alten Jogginghose und mit Stoppelbart die Tür, als ich die Kinder abhole. „Ich lese viel, gehe spazieren“, erklärt er ungefragt. „Hab keine Lust auf Leute.“ Beim Abschied wirkt er unsicher, macht eine hilflose Geste, eine angedeutete Umarmung. Ich kenne das Gefühl. Ich bin auch viel allein. „Ich will nicht verletzt werden und mich nicht lächerlich machen“, sagt Torsten eines Abends. Das kann ich nicht garantieren. Und denke dabei an Andreas, der zu Beginn unserer Liebe nachts durch die ganze Stadt geradelt ist, um mir einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Ob lächerlich oder nicht war ihm egal. 

Weihnachten und Geburtstage verbringen wir weiterhin als Familie. Erst ist es unerträglich, angespannt und aufgesetzt, aber irgendwann können wir sogar wieder zusammen lachen. Der Abstand tut uns gut. Andreas fragt nicht mehr und tobt nicht mehr. „Komm zurück“, sagt er, als wir unterm Tannenbaum sitzen. „Damit ich wieder ein Möbelstück werde? Nein danke“, antworte ich. „Wir ziehen unter eine Brücke, da brauchen wir keine Möbel“, sagt er mit seiner alten Leichtigkeit. Zum Geburtstag backt er mir den ersten Kuchen seines Lebens. 

Der Neuanfang

Die Entscheidung, es noch einmal zu versuchen, fällt im Krankenhaus. Ich wache nach einer Bandscheiben-OP aus der Narkose auf. Der Stuhl an meinem Bett ist leer, und ich vermisse Andreas fürchterlich. Es ist noch nicht zu Ende, weder aus noch vorbei. Trotzdem schiebe ich den Kündigungstermin meiner Wohnung hinaus. Können zwei Jahre Abwesenheit 20 Jahre schlechter Angewohnheiten vergessen lassen? Aber ich sehne mich nach meiner Familie, habe die ständige Achterbahnfahrt der Gefühle satt. Sei kein Feigling, denke ich, versuch’s. Als ich es Torsten sage, nickt er. Er habe so was schon geahnt. Er nimmt seine Jacke und geht. Ich bin ihm dankbar, dass er so lange da war. 

Zu Hause schlafe ich zuerst im Wohnzimmer auf dem Sofa. Wir fügen unseren Alltag fast scheu und verlegen wieder zusammen. Das Laptop verschwindet aus dem Schlafzimmer. „Lass uns ausgehen. Ich habe Kinokarten besorgt“, begrüßt mich Andreas manchmal abends. Wir führen einen Familientag pro Woche ein und einen Abend für uns beide. Ab und zu gibt es Streit, weil wir beide allzu bemüht und verletzlich sind. Die Kinder rollen nur mit den Augen. Der Neuanfang braucht Zeit. Aber über die nächsten Monate entdecke ich den Mann wieder, in den ich mich mal verliebt habe. Seinen Humor, seine Abenteuerlust, seine Wärme. Manchmal merke ich, wie er mich wortlos ansieht  „Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren“, sagt er einmal. „Ja“, sage ich, „es war knapp.“