Liebesleben

War früher mehr Sex?

Unser Liebesleben scheint eingeschlafen zu sein. Drei Experten analysieren die Lage und haben ein paar (ungewöhnliche) Lösungen parat.

Veröffentlicht am 21.08.2017
Experten diskutieren.

Heiße Diskussionen (v. l.): Beatrice Wagner, Henriette Hell, Friedemann Karig und Moderatorin Gabriele Herpell.


Eigentlich wirkt die Atmosphäre zu nüchtern für ein so intimes Thema. Es ist zehn Uhr morgens, um den Tisch des Konferenzraums haben sich drei Experten versammelt, um über Sex und Beziehung zu sprechen. Ein Vorspiel brauchen sie nicht, schon nach ein paar Minuten sind sie mittendrin in der Diskussion über Orgasmus (kompliziert), Untreue (normal), Pornos (problematisch) und Lust (wechselhaft).

Schnell wird klar, da prallen drei Liebens- und Lebensmodelle aufeinander: Henriette Hell, 31, plädiert dafür, dass Frauen ihre Lust offen ausleben – unabhängig vom Beziehungsstatus. Ihr Buch „Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt“ war ein Bestseller, demnächst erscheint ein Sexratgeber von ihr. Beatrice Wagner, 53, ist Sexualtherapeutin und berät viele Paare, bei denen Flaute im Bett herrscht. Für dieses verbreitete Problem scheint Friedemann Karig, 35, die Lösung gefunden zu haben. Er hat ein Buch über Polyamorie geschrieben und mit vielen Paaren gesprochen, die in offenen Beziehungen glücklich sind.

myself: Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch hält unsere heutige Sexualkultur für misslungen. Sind Sie damit einverstanden?
Beatrice Wagner: Meine Klienten sagen, bei ihnen sei alles in Ordnung, nur – sie hätten halt keinen Sex mehr. Es mangelt also definitiv an der Kunst des Liebens, der Kunst der Sexualität.

Henriette Hell: Dass die Leute zu Ihnen kommen, zeigt doch, dass sie sich eben guten Sex wünschen. Und dass sie mit dem Partner daran arbeiten wollen. Aber es ist schwer, jemanden zu begehren, mit dem man im Alltag darüber streitet, wer das Bad putzt.

Friedemann Karig: Dass wir nach einer gewissen Zeit in einer Beziehung sexuelle Lust auf jemand Neues bekommen, ist Biologie. Es ist eine normale Entwicklung. Und doch möchten wir das nicht akzeptieren.

Studien zeigen, dass die sexuelle Aktivität der Deutschen generell abnimmt. War es früher denn besser?
Wagner: Nein, aber heute ist es anders schlecht. Ich habe noch Oswalt Kolle kennengelernt, den großen Sexualaufklärer der 70er-Jahre. Er hat versucht, die Deutschen zum Reden zu bringen. Sein Auftrag ist nicht vollendet. Es mag dank Online-Dating mehr unverbindlichen Sex geben. Aber wir trennen nach wie vor das Reden über Sex vom Sex. Wir sind gehemmt.

Karig: Und alle geben ihrem Partner oder der Beziehung die Schuld, wenn der Sex nach zehn Jahren nicht mehr so ist wie am Anfang. Es wäre ein Fortschritt, wenn wir hinnehmen würden, dass das ganz normal ist.

Hell: Vielleicht muss man es dann tatsächlich mit offenen Beziehungen versuchen. Kate Hudson sagt, man könne sich ruhig Affären gönnen, wenn man sich dabei nicht erwischen lässt.

Ist die freie Liebe tatsächlich ein Ausweg aus dem Dilemma?
Wagner: Ich kenne Paare, die versuchen, ihre Beziehung temporär zu öffnen. Aber die Polyamorie ist kein Universalrezept. Sie ist nicht für alle Menschen eine Lösung. Ich denke, wenn ich mich in einer Partnerschaft ernsthaft auf jemand Neues einlassen will, stimmt etwas mit der eigenen Beziehung nicht.

Hell: Ich empfinde die Lust auf jemand anderen, auch wenn man einen Partner hat, als etwas Positives. Aber weil sich die Gesellschaft darauf geeinigt hat, dass etwas anderes normal ist, schämt man sich und denkt, man ist ein schlechter Mensch.

Wagner: Die Lust kann etwas Gutes sein, man sollte sich da nicht schämen. Sie schreiben: „Ich mach es als Frau wie ein Mann, ich nehme mir den, der mir gefällt.“ Das finde ich mutig. Machen wir uns nichts vor, Frauen, die zu ihrer Lust stehen, werden immer noch diskriminiert.

Ist alles eine Frage der Moral? Was wäre denn, wenn es als normal gelten würde, den Partner zu verlassen, sobald der Sex nachlässt?
Karig: Zuerst einmal wäre es gut festzustellen,dass keiner schuld daran ist, wenn es im Bett nicht mehr so gut läuft. Oder dass man jemand anderen begehrt. Man könnte sich Gedanken machen, was man an der Beziehung ändern könnte. Man wäre freier.

Wagner: Klar, auch wer in einer Beziehung lebt, hat mal Lust auf jemand anderes. Aber man hat die Freiheit, sich zu entscheiden, ob man ihr nachgibt. Für mich war es ein hartes Stück Arbeit, so zu denken. Ich war ja früher genauso und wollte mich nicht einsperren lassen. Doch Fremdgehen führt zu großen Verletzungen. Das wiegt für mich schwerer als der Lustgewinn.

Hell: Ich habe eine Freundin, Mitte 50, seit acht Jahren liiert. Sie hat mit ihrem Partner keinen Sex mehr – und hat einen Freifahrtschein bekommen.

Wagner: Wofür braucht man dann die Beziehung?

Karig: Für alles andere. Weihnachten. Ostern. Kinder großziehen. Es ist doch schizophren, dass wir einerseits das Thema abtun, als wäre es vernachlässigbar. Und andererseits für Sex die Beziehung riskieren. Jeder muss sich entscheiden: Entweder ist Sex wichtig oder nicht. Entweder ich brauche ihn oder nicht. Mit oder ohne den Lebenspartner, innerhalb oder außerhalb der Beziehung.

Wagner: Ich halte eine Beziehung ohne Sex für keine richtige Beziehung. 

Ist das nicht eine sehr romantische Vorstellung?
Wagner: Die romantische Liebe ist nach zwei Jahren vorbei. Es ist volkommen unrealistisch, jemandem nach zehn Jahren zu sagen, ich liebe dich wie am ersten Tag. Es ist nicht einmal wünschenswert.

Karig: Jeder wünscht sich die lebenslange romantische Beziehung, aber die ist eine gesellschaftliche Erfindung. Wenn eine Frau sich heute Zeit lässt und sich erst spät bindet, dann sagen wir, Tinder ist schuld. Dabei liegt es daran, dass wir mehr Freiheiten haben. 

Und an der Individualisierung. Werden wir immer narzisstischer?
Karig: Ist es nicht eher narzisstisch, von einem Partner zu erwarten, dass er nur mich liebt? Die Gründe, weshalb die Menschen früher zusammengeblieben sind, fallen heute weg. Ich reagiere allergisch auf den Vorwurf, man wolle sich nicht festlegen. Als wäre es ein Wert an sich, sich festzulegen.

Wagner: Gleichzeitig überfrachten wir die Liebesbeziehung, weil wir so selbstbestimmt leben und sie nicht mehr zum Überleben brauchen.

Karig: Eva Illouz sagt, wir leben in der „Architektur der Wahl“. Und sind überfordert von den vielen Optionen.

Wagner: Aber wir können unsere Beziehungen und unseren Sex gestalten, weil wir das Frontalhirn haben. 

Das müssen Sie uns erklären.  
Der Trieb steuert unsere Reproduktion, da ist das Stammhirn aktiv. Der romantische Sex hilft uns in den ersten zwei Jahren, den Nachwuchs gemeinsam großzuziehen. Da ist das Großhirn aktiv. Und es gibt eine dritte Art, Sex zu haben: reifer Sex, der findet eben im Frontalhirn statt. Den kann man entwickeln. Und damit drückt man aus: Ich meine dich – und nur dich. 

Viele Paartherapeuten verteidigen den Seitensprung sogar als Wiederbelebungsmaßnahme.
Wagner: Ja. Denn wenn mich ein anderer antörnt, kann ich doch auch mal überlegen: Was kann ich in meiner Beziehung ändern?

Karig: Aber braucht man Exklusivität, um innige sexuelle Kommunikation zu entwickeln? Die Paare, mit denen ich gesprochen habe, haben ihre Beziehung vertieft, weil  sie mit anderen Sex hatten. Das Vertrauen, um das zu leben, die Sprache, die man entwickeln muss, um über Sex mit anderen zu reden, die Regeln, die man absteckt, das fließt alles ein. Die Beziehung wird dadurch stärker, nicht schwächer.

Wagner: Es kann das Vertrauen verstärken, wenn man jemanden in die Beziehung holt. Ich halte es nur nicht langfristig für praktizierbar. Der britische Biologe Richard Dawkins hat die Theorie entwickelt: Wenn ein Gefühl sich über Jahrhunderte hält, ist es für die Evolution von Bedeutung. Und Eifersucht ist eine Konstante in den verschiedensten Gesellschaftsformen. Nur fünf Prozent der Menschen sind dagegen immun. 

Tja, das sind ja nicht gerade viele.
Karig: Wir unterschätzen unsere Möglichkeiten, etwas an langweiligem Sex zu ändern. Und ich glaube, wir unterschätzen unsere Möglichkeiten, etwas an der Eifersucht zu ändern. Wir finden ja normal, dass jemand sagt: Wenn du nicht eifersüchtig bist, liebst du mich nicht.

Wagner: Im Sexuellen ist es verständlich, dass man nicht teilen möchte. Es gibt auch falsch verstandene Offenheit. Man muss dem anderen nicht alles erzählen.

Karig: Aber versuchen Sie nicht, die Biologie mit dem Frontalhirn-Sex auszuhebeln? Ein Teil von mir will das Neue. Glücklich macht das nicht. Also optimiere ich meinen Beziehungssex so lange, bis er ein größerer Kitt ist als das Bedürfnis nach dem neuen Kick. 

Was muss man denn für Frontalhirn-Sex genau tun?
Wagner: Ich habe Sex in dem Bewusstsein, dass wir uns nicht nur körperlich, sondern auch geistig vereinen. Daraus kann sich eine andere Qualität von Sex entwickeln. Das Gefühl der Innigkeit ist so schön, dass es die Lust weiter triggert. Und da ist auch Reden extrem wichtig.

Hell: Ich glaube, viele trauen sich in Langzeitbeziehungen immer weniger oder verharren in alten Mustern. Wenn es viele Jahre keinen dirty talk gab, muss es sich seltsam anfühlen, es plötzlich zu ändern.

Wagner: Am Anfang muss man ja auch nicht reden. Der Rausch der Hormone nimmt einem alles ab. Und darüber verpasst man zu sagen, was man wirklich mag. Später weiß man nicht, wie man das ansprechen soll.

Durch mehr Erfahrung müsste man doch geübter werden?
Hell: Man wird ja auch mit jeder Beziehung besser. Ich würde jetzt gern mein 50-jähriges Ich treffen und fragen: Wie läuft’s beim Sex?

Wagner: Als 53-Jährige kann ich ein bisschen aushelfen (lacht).  Sie haben recht, man kann sich weiterentwickeln.  Mit der Liebesfähigkeit wächst die Fähigkeit, reifen Sex zu haben. 

Hell: Frau Wagner, mich würde interessieren: Wer kommt eigentlich zu Ihnen in die Praxis?

Wagner: Die Leute sind zwischen 22 und 80 Jahre alt, aber vor allem kommen junge Männer. Die erektile Dysfunktion nimmt seit 2008 konstant zu – seit es Smartphones gibt und man sich jederzeit Internetpornos runterladen kann. 

Studien zeigen, dass gerade bei den 18- bis 30-Jährigen die sexuelle Aktivität stark nachgelassen hat. Liegt das nur am Internet?
Wagner: Ich habe einen Mann gebeten, eine Vulva zu zeichnen. Heraus kam ein Dreieck, er kennt nur die Schamlippen und den Schlitz. Keine Harnröhre, keine Vagina, keinen Kitzler.

Karig: Das ist doch nicht die Schuld von Pornos, das ist mangelnder Aufklärungsunterricht.

Hell: Es ist erschreckend, wie viele Männer keine Ahnung von der weiblichen Sexualität haben, selbst mit 30 noch. Aber auch die Frauen fragen sich bis heute, ob mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie nicht allein durch Penetration kommen. Und Männer sind immer noch beleidigt, wenn sie die Frauen nicht zum Höhepunkt bringen, wie sie es in Filmen sehen.

Karig: Ich kenne keinen einzigen Mann, der wirklich glaubt, dass das, was er in Pornofilmen sieht, die Frau befriedigt oder eine gesunde Sexualität wäre.

Wagner: Bilder haben eine starke Macht. Auch wenn ein Mann das Gesehene nicht glaubt, beeinflusst es ihn. 
Hell: Und viele Männer denken, eine Frau ist wie alle anderen. Sie wissen nicht, wie sehr wir uns zuweilen voneinander unterscheiden. Daran sind natürlich auch die Frauen schuld. Sie müssen sprechen, über ihren Körper, ihre individuelle Eigenheit in puncto Orgasmus.

Erzählen Frauen einander heute, wie sie einen Orgasmus bekommen?
Hell: Kaum. Das ist immer noch ein Tabuthema. Ich habe mit meinen Freundinnen auch nicht drüber gesprochen, erst durch mein erstes Buch kam es ins Rollen. Plötzlich haben viele sich getraut zuzugeben, dass sie keinen vaginalen Orgasmus haben.

Karig: Es geht so sehr um Leistung. Das kann auch durch Pornos befördert werden.

Wagner: Ich als normal aussehende Frau sehe diese Frauen, mit Anal-Bleaching, eine Vagina wie ein Brötchen, da gerate ich unter Druck. Da kann ich mir tausendmal sagen, das ist alles fake, unterschwellig bleibt der Eindruck, es scheint alles möglich zu sein.

Apropos Bilder: Hochzeiten werden heute groß inszeniert, es wird häufiger geheiratet. Was halten Sie davon?
Karig: Für mich ist es ein Zeichen für Freiheit, dass wieder gern geheiratet wird, die Zeiten sind vorbei, in denen man gegen die Institution Ehe anrennen musste.

Wagner: Wenn zwei Leute sich füreinander entscheiden, oder auch dafür, ein Kind zu bekommen, ist das toll. Aber die bombastischen Inszenierungen sind mir unheimlich. Und was, wenn die Liebe kompliziert wird? Hilft mir das, wenn mein Hochzeitskleid das schönste weit und breit war?

Die Experten

Henriette Hell, 31

Die Autorin lebt als Single in Hamburg und gibt in ihren Büchern handfeste Tipps – zum Beispiel in „Erst kommen, dann gehen“ (Ullstein).

Henriette Hell.

Henriette Hell, Autorin.


Dr. Beatrice Wagner, 53

Die Münchner Sexualtherapeutin hilft Paaren, den Sex neu zu entdecken. Sie erklärt das auch in „Kein guter Sex ohne Unlust“ (Goldmann).

Dr. Beatrice Wagner.

Dr. Beatrice Wagner, Sexualtherapeutin.


Friedemann Karig, 35

In „Wie wir lieben“ (Aufbau) beschreibt der Autor aus München das Leben polyamorer Paare. Sein eigener Status: ohne Beziehung.

Friedemann Karig.

Friedemann Karig, Autor.