Live Escape Games

Wo geht's hier raus?

Die Welt wird immer digitaler? Falsch. Denn plötzlich spielen immer mehr Menschen analoge "Live Escape Games". Woher kommt der Trend und warum entdecken erwachsene Großstädter plötzlich ihren Spieltrieb?

Veröffentlicht am 20.06.2017
Drei Personen vor einem Gemälde.

Ob sich der nächste Hinweis hinter dem Bild verbirgt?


Mit einem Klicken rastet das Schloss an meinem Fußgelenk ein. Die Kette, an die ich nun gefesselt bin, ist nicht einmal einen Meter lang. Ganz schön dunkel hier. Schemenhaft erkenne ich einen Strohsack, einen Eimer, der an einer Leine baumelt, und eine große Holzkiste mit Deckel drauf. Was das wohl ist? Mein Mann und zwei Freundinnen, die neben mir festgekettet wurden, schauen sich ebenso ratlos um. Gerade saßen wir noch in unseren Büros und tippten Mails – jetzt sind wir Mitglieder eines fiktiven Clans und haben 66 Minuten Zeit, um uns aus einem mittelalterlichen Kerker zu befreien und die Krone des verstorbenen Königs zu finden.

Modernes Gemeinschaftsspiel

Unser Grüppchen hat sich nach Feierabend getroffen, um den neuesten Trend auszuprobieren: Live Escape Games, eine Art modernes Gemeinschaftsspiel. Was früher der Skatabend war oder die Scharade, heißt heute zum Beispiel „Game of Crowns“ und findet in einem ehemaligen DDR-Fernmeldebunker statt. Den hat Berlins größter Anbieter Exit mit einigem Aufwand zu verschiedenen Spielkulissen umgebaut. Zur Auswahl stehen aktuell sechs „Missionen“ für zwei bis 16 Personen. Und egal, ob man einen Hackerangriff abwehren oder aus einer verlassenen Nervenheilanstalt fliehen muss, gemeinsam ist allen Varianten, dass sie den Spieltrieb befeuern.

Über 200 Anbieter gibt es in Deutschland bereits, weltweit sind es mehrere Tausend. Die Faszination ist überall die gleiche. Exit Games sind streng analog. Statt auf Bildschirme zu starren, Joysticks zu bewegen oder auf Touchscreens herumzuwischen, muss man hier ganz real aktiv werden. Intelligenz, logisches Denken und Teamgeist sind gefragt, wenn es gilt, Wände nach Hinweisen abzutasten, Bilderrätsel zu entschlüsseln oder Zahlencodes zu knacken. Eingebettet ist das Ganze in eine Dramaturgie, wie man sie aus Action-Filmen, Serien oder Thrillern kennt: Während die Uhr tickt, muss man sich, beziehungsweise die ganze Welt, vor finsteren Bedrohungen retten. Dafür werden pro Person zwischen 18 und 30 Euro fällig.

Bunt gemischtes Publikum

Wer spielt so etwas? Leute, die auch gern als Zombies verkleidet durch den Wald rennen oder auf Mittelaltermärkten Burgfräulein spielen? Von wegen. Mit uns zusammen warten ein junges Hipster-Pärchen und eine sympathische Mittvierziger-Gruppe auf ihren Raum. Das Publikum, sagt Max Mühlbach, 32, einer der Geschäftsführer von Exit, sei bunt gemischt: Familien, Junggesellenabschiede, Freundesgruppen, Firmenbelegschaften. Sogar Ex-US-Präsident Barack Obama ist ein Fan. Als er im Dezember letzten Jahres auf Hawaii ein Escape Game spielte, soll es ihm und seinen Töchtern erst zwölf Sekunden vor Schluss gelungen sein, sich zu befreien. Trotzdem kein schlechtes Ergebnis – bei Exit in Berlin etwa bewältigen nur etwa 70 Prozent der Gruppen die Challenge in der vorgegebenen Zeit. Meist seien das Teams, die sich gut ergänzen, beobachtet Max Mühlbach. Und die anderen? „Die kommunizieren zu wenig.“

So wie wir. Nach acht Minuten haben wir es noch nicht einmal geschafft, unsere Fußketten zu lösen. Statt uns abzusprechen, frickelt jeder für sich im Dunkeln herum. So geht es nicht weiter. Wir beschließen, von jetzt an laut zu denken und einander zuzuhören – und siehe da: Gemeinsam meistern wir die erste Herausforderung. Immerhin ein Anfang. Dann das nächste Ärgernis: Mein Mann meint, den Anführer spielen zu müssen, merkt jedoch nicht, dass er wichtige Hinweise übersieht. Ich bin genervt, halte mich aber vorerst zurück. Auch weil ich daran denke, was Max Mühlbach gesagt hat: Paare würden beim Spielen besonders oft aneinandergeraten, vor allem dann, wenn sich einer der beiden zu dominant verhält.

Teambuilding-Maßnahme

Er hat noch ein paar andere interessante Beobachtungen zum Thema Geschlechterunterschiede parat: Männer gingen oft zielstrebiger vor, seien dafür aber eher schlampig auf der Suche nach Indizien. Frauen hingegen seien gründlicher und besser im Um-die-Ecke-Denken. „Dafür verzetteln sie sich in Details.“ Kein Wunder, dass Exit Games  gern von Unternehmen gebucht werden, die etwas fürs Teambuilding ihrer Angestellten tun wollen.

Die Psychotherapeutin Sandra Peukert, 31, etwa arbeitet in einer psychosomatischen Tagesklinik für Jugendliche. Zusammen mit fünf Kollegen meldete sie sich für ein Spiel bei Exit the Room in München an. „Wir dachten, das schaffen wir locker. Schließlich sind wir daran gewöhnt, analytisch vorzugehen, und predigen unseren Patienten jeden Tag, wie wichtig es ist, an einem Strang zu ziehen“, erzählt sie. Doch kaum lief die Uhr, brach das Chaos aus: „Wir rannten mit Tunnelblick durcheinander, jeder wollte die Herausforderung auf seine Weise meistern.“ Erst als ein Kollege zur Ruhe mahnte, besannen sie sich auf ihre Mitspieler. Sandra Peukerts Fazit: „Es war spannend, am eigenen Leib zu erfahren, dass man mit seinen individuellen Fähigkeiten manchmal nicht weiterkommt.“

Hierarchien werden aufgelöst

Bei Exit kann man sich bei Spielen zusätzlich von einem Arbeitspsychologen beobachten lassen, der anschließend die Gruppendynamik analysiert. „Wir haben oft Mitarbeiter von Firmen da, die sich anfangs siezen, beim Spielen aber zum Du übergehen, weil sie sich auf einmal ganz anders miteinander verbunden fühlen“, sagt Max Mühlbach. Bestehende Hierarchien würden beim Spielen ausgehebelt. Auf einmal sei die Chefin auf die Hilfe des Praktikanten angewiesen – und der könne zeigen, welches Potenzial in ihm steckt. „Wir sagen dann: Sie kamen als Gruppe und gehen als Team“, so Mühlbach. Wirtschafts-und Organisationspsychologen bestätigen den positiven Effekt: Kollegen, die gemeinsam etwas geschafft haben, trauen sich mehr zu.

Die Entstehung der Live Escape Games reicht in die späten Achtzigerjahre zurück. Damals wurden die ersten Computerspiele programmiert, bei denen sich die Spieler aus der Gefangenschaft befreien mussten, sogenannte Textadventures. 2007 kam der Japaner Takao Kato auf die Idee, Online-Spiele in die reale Welt zu übertragen, und organisierte Massenevents für bis zu tausend Teilnehmer in Fußballstadien oder verlassenen Fabrikgebäuden. 2010 eröffnete er in Kyoto dann den ersten Spieleraum für kleinere Gruppen – und traf einen Nerv.

Budapest: Hauptstadt der Escape Games

In Asien gibt es solche Playrooms seitdem in jedem besseren Shoppingcenter, in Europa hat sich Budapest als Hauptstadt der Escape Games etabliert – wohl auch deshalb, weil dort die Mieten günstig sind und viele Gebäude leer stehen. Wissenschaftler, die sich auf Game-Design spezialisiert haben, unterscheiden drei Formen: lineare, offene und multilineare Rätselpfade. Bei der offenen Variante gibt es keinen Hinweis, in welcher Reihenfolge die Aufgaben gelöst werden müssen, um ans Ziel zu kommen. Genau das macht den Reiz aus.

Das merken auch wir: Je weiter wir vordringen, desto komplexer und zahlreicher werden die Aufgaben. Wir stehen jetzt in einer Kapelle mit Orgel, Buntglasfenstern und Heiligenbildern. Inzwischen haben wir kapiert, wie es läuft: Erst den Raum „lesen“ und nach Hinweisen absuchen, dann gemeinsam überlegen und ausprobieren. Wir jubeln und klatschen uns ab,als wir auch diesmal die Lösung finden. Aber wie passt der Erfolg der Live Escape-Spiele in unsere zunehmend digitalisierte Welt?

Kontrast zur digitalisierten Welt

Tatsächlich geht der Trend zurück zu authentischen, sinnlich erfahrbaren Erlebnissen. Ganz egal ob Urban Gardening, Handarbeit, Kochen oder eben Fluchtspiele – Hauptsache, es fühlt sich echt an. Das bedeutet aber nicht, dass moderne Technik bei Escape Games grundsätzlich verpönt wäre. Die Spielleiter beobachten das Geschehe über eine Kamera. Wenn gar nichts mehr geht, schicken sie Anweisungen auf ein Tablet, das jedes Team zu Beginn in die Hand gedrückt bekommt. Bei Exit experimentiert man außerdem gerade mit Virtual-Reality-Spielen, für die man Datenbrillen aufgesetzt bekommt. „Dadurch ergeben sich ganz neue Möglichkeiten, das wird der Knaller“, freut sich Max Mühlbach.

Als Spielneulinge sind wir mit dem Gebotenen vollauf bedient. Wir haben uns Raum für Raum vorgearbeitet und stehen jetzt vor einer Schatztruhe, die mit einem Schloss gesichert ist. Der Countdown läuft unbarmherzig. Wir finden Schachfiguren, Zahlen, eine rätselhafte Nachricht. Verwirrung, Diskussion – Blackout. Die Uhr steht auf null, der Spielleiter unterbricht uns: Wir haben es nicht geschafft. Das erste Mal, tröstet er uns, sei immer das schwerste. Erst sind wir enttäuscht, aber dann kapieren wir, was dieses Spiel so besonders macht: Für eine Stunde waren wir ganz bei uns, im Flow, wie Psychologen diesen Zustand der Selbstvergessenheit nennen. Der Alltag – To-do-Listen, Deadlines, Wäscheberge zu Hause – blieb draußen vor der Tür. Ein „Exit“ im wahrsten Sinne des Wortes. Könnte man sich ruhig öfter mal gönnen.

Zwei Frauen ziehen an Kette.

Hier ist Teamarbeit gefragt.


„Live Escape Games“ werden inzwischen in rund 50 Städten angeboten, hier finden Sie eine deutschlandweite Übersicht der Standorte. Man kann sich das Abenteuer auch nach Hause holen, beispielsweise mit „Exit. Das Spiel“, Kosmos.