Romantik

Von große Gefühlen und kleinen Gesten

Ist die Romantik dank Tinder & Co tot? Nein, das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Sentimentale Gefühle kommen zu kurz. Das lässt sich aber ändern. Allerdings nicht so, wie Sie denken.

Veröffentlicht am 03.12.2016
Landschaft im Nebel


Letzte Woche habe ich sie wieder einmal gesucht. Sie war nicht im Bett und auch nicht im Wohnzimmer. Ich fand sie schließlich in meinem Laptop: ein kurzes Video aus dem letzten Urlaub. Mein Mann macht sich darin zum Affen wie ein Zwölfjähriger, mitten im luxuriösen Beachclub zwischen lauter Schnöseln. Ich hatte einen miesen Tag und er wollte mich zum Lachen bringen. Da war er, einer dieser Momente, in denen einem wieder bewusst wird, warum man sich für das Lebensmodell „Zweisamkeit“ und eine Einbauküche in einer Farbe entschieden hat, die man sich allein sicher nicht ausgesucht hätte.

Das, was die britische Autorin Elinor Glyn einmal den „Glamour“ nannte, „der den Staub des Alltags in einen goldenen Dunst verwandelt“. Die Romantik also. Unser Zentimetermaß, an dem wir die Größe unserer Gefühle füreinander ablesen. Ein Spiegel, der unserer Liebe Gestalt verleiht. Ganz einfach und sehr schwer. Besonders seit Algorithmen, matching points und die Wisch-und-weg-Mentalität der Romantik zunehmend ihre Kernkompetenz streitig machen: zwei Menschen gleichzeitig total zielsicher und absolut zufällig zusammenzubringen und ihnen klarzumachen, dass diese Wahl alternativlos ist. Auch und gerade dann, wenn sie auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen. Eine Arbeitsweise, die uns lange die herrlichsten Hollywood-Komödien und ungefähr 90 Prozent der schönsten Liebesromane beschert hat.

Leben wir in einer Dating-Apokalypse?

Schon behauptet die US-Autorin Nancy Jo Sales, die Romantik sei tot, gemeuchelt von einer „Dating-Apokalypse“ namens Tinder & Co. Heute würde man Sex und/oder einen Partner wie eine Pizza bestellen und es keinesfalls mehr dem Lieferservice „Schicksal“ überlassen wollen, wie er sie belegt. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Die Romantik ist immer noch da. Sie kann wiederbelebt werden. Allerdings nicht durch Druckmassagen.

Wir suchen heute nach Planungssicherheit mit einem Partner, von dem wir möglichst schon vor dem ersten Kennenlernen alles wissen wollen. Das Abenteuer mit Happy-End-Garantie, eine „sehr vernünftige Verrücktheit“, so beschreibt die israelische Soziologin Eva Illouz das Paradox in ihrer Studie „Der Konsum der Romantik“. Einerseits. Andererseits spüren wir gerade sehr deutlich, dass etwas fehlt. Dass den Gefühlen ohne Romantik ihr Echtheitszertifikat fehlt. Kurz: Wir sind total unterzuckert und versuchen den Mangel auszugleichen. Mit Romantik-Wochenenden in Romantikhotels, mit bombastischen Traumhochzeiten.

Romantik ist deshalb längst auch so etwas wie ein künstlicher Süßstoff, hergestellt in den Labors von Eventmanagern, Hochzeitsplanern und Rei­severanstaltern. „Authentizitätsfallen“ nennt der Kunsthistoriker und Publizist Christian Saehrendt in seinem Buch „Gefühlige Zeiten“ (DuMont) diese synthetische Droge. Und wie das so ist mit Ersatzprodukten: Nie befriedigen sie ganz die Sehnsucht nach dem Echten. Immer bleibt der Hunger nach mehr. Gerade deshalb wendet sich das Romantik-Blatt, wir merken, dass es auch in der Liebe so etwas wie leere Kalorien gibt. Die Hochzeiten werden wieder leiser, individueller, persönlicher. Kein anderes Motto mehr als „Alex und Ina lieben sich und heiraten“.

Wir brauchen Freiraum und Großmut

Schon Oscar Wilde wusste: „Das Wesen der Romantik ist Ungewissheit.“ Und er meinte damit, dass sie Freiraum, Großmut und Freiwilligkeit braucht, um sich zu entfalten, und eben keinen Dienstplan. Deshalb ist es auch viel romantischer, jemanden gerade dafür zu lieben, dass er nicht perfekt ist, weil wir im Gegenzug auch nicht perfekt sein müssen. Romantik ist, wie das Glück überhaupt, eine Überwindungsprämie. Sie wird fällig, wenn wir nicht schon immer – vor lauter Angst danebenzulieben – am Anfang wissen wollen, wie wir uns am Ende fühlen werden. Wenn wir verschwenderisch sind mit Gefühlen, anstatt sie auf einen Termin festzulegen. Wenn wir der Fantasie freien Lauf und die Vernunft vor der Tür lassen. Ganz sicher ist es romantisch, ein wenig oder manchmal auch ganz viel vom Ego zu opfern, ohne zu wissen, was für einen dabei überhaupt herausspringt. Wenn sie mit ihm einen öden Action-Film schaut und sich freut, dass er sich freut. Oder wenn er für sie nach mühevollen Recherchen im Internet noch einmal die Lieblingstasche aus der vorletzten Saison auftreibt.

Vor allem aber ist Romantik: den gemeinsamen Alltag nicht als eine öde Zumutung zu empfinden, die dauernd mega-aufgerüscht und mit ordentlich viel Zucker bestreut gehört, um erträglich zu sein. Das alles bestätigt auch die weltweit größte Studie von Ehe-Papst John Gottman zur Beziehungszufriedenheit. Er fand bei den glücklichen Paaren nicht etwa ein überproportionales Vorkommen an Rosen oder Einkarätern, sondern ganz viele unspektakuläre Kleinigkeiten: dass er sie um Rat fragt, wenn es um wichtige Entscheidungen geht; dass sie ihm ein Fußballspiel aufzeichnet, das er nicht live sehen kann; dass sie beim gemeinsamen Fernsehabend auf dem Sofa einfach mal nach seiner Hand greift. „Es sind nicht die großartigen Momente à la Hollywood, sondern die kleinen Banalitäten, die sagen ‚Wir lieben uns‘. Die meisten Menschen denken, ein Dinner bei Kerzenschein würde zu mehr Zweisamkeit führen. Doch sich auf hundert kleine Arten im Alltag einander zuzuwenden verbindet weitaus stärker“, so der Beziehungsexperte.

Romantik ist speziell - und individuell

Das spricht natürlich nicht grundsätzlich gegen Online-Dating oder Wochenenden in Romantikhotels, Designerhandtaschen auf dem Gabentisch oder Sex auf dem Bärenfell (natürlich aus Polyester) vor einem knisternden Kaminfeuer. Aber es spricht eben auch nichts dagegen, dass es irre romantisch sein kann, gemeinsam das Auto zu waschen oder 1000 Kilometer auf dem Fahrrad zurückzulegen und dabei die Nächte auf einer harten Isomatte zu verbringen. Oder sich noch einmal heimlich ins eigentlich geschlossene Hotelschwimmbad zu schleichen.

Es spricht sogar dafür, selbst die nassen Handtücher auf dem Badezimmerfußboden relativ entspannt zu betrachten, weil ich sie einem Mann verdanke, der mich wie keiner sonst zum Lachen bringen kann und der mir übrigens seit 24 Jahren jeden Morgen Kaffee ans Bett trägt. Ich finde, dass das sehr romantisch ist. Wie das bei Ihnen aussieht? Das können und sollten Sie ganz allein zu zweit herausfinden. Denn das ist Romantik schlussendlich auch: so einmalig wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen nur sein kann.