Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Lange Rede, kurzer Sinn

Frauen reden eine Menge, aber das wichtigste bleibt oft unausgesprochen. Meike Winnemuth erklärt, warum es sich lohnt, zu sagen, was man sagen will – und nicht, was die anderen hören wollen.

Veröffentlicht am 11.05.2017
Zwei Menschen sprechen.

Reden hilft.


Wenn man bedenkt, wie viel Frauen reden, ist es unglaublich, wie oft dabei das Wichtigste unausgesprochen bleibt. Ich selbst kann problemlos stundenlang reden, ohne etwas gesagt zu haben. Das heißt nicht, dass ich sinnloses Zeug sabbele (zumindest nicht nur), sondern dass ich die vielen Wörter in der Regel benutze, um einen Klangteppich der Zwischenmenschlichkeit zu weben, zum allgemeinen atmosphärischen Grundgemurmel beizutragen, gesellschaftliches Gleitmittel zu fabrizieren. Ich schätze, 80 Prozent dessen, was ich sage, ist Fahrstuhlmusik: nett anzuhören – aber zum genauen Zuhören nicht gedacht.

Und da wären wir schon beim Thema: Einen ganzen Absatz lang habe ich die Worte klingeln lassen, damit Sie sich wohlfühlen in diesem Text und ein bisschen nicken. Dabei ist das, worum es mir hier geht, kurz und hässlich: Sagen Sie, was Sie sagen wollen. Nicht, was die anderen hören wollen. Oder vielmehr – und das macht die Sache so verdammt vertrackt – nicht, wovon Sie vermuten, dass es die anderen hören wollen. Denn das ist schon der erste fatale Irrtum: dass man zu wissen glaubt, was die anderen denken, und deshalb das Sprechen lässt. Wenn ich das jetzt sage, hält sie mich bestimmt für aufdringlich, er mich für eine Schlampe, der Boss mich für eine Vollidiotin. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich dabei ertappt habe, lieber zu schweigen, als das (fast immer nur eingebildete) Risiko einzugehen, mich zu blamieren oder zurückgewiesen zu werden.

Es sind ja stets die einfachsten Sätze, die den größten Mut verlangen: Ich brauche deine Hilfe. Mich ärgert etwas an dir. Ich habe Angst vor etwas. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich möchte es gern anders. Und gleichzeitig sind es genau diese Sätze, die etwas in Bewegung bringen. Die Klarheit schaffen, Erleichterung, Veränderung. Wieso fällt es so schwer, sie auszusprechen? Wieso reden Frauen, diese großen Kommunikationstalente, lieber, um zu gefallen, als um etwas zu bewirken? Und welch fundamentale Unfreundlichkeit, anderen Menschen einfach etwas zu unterstellen, ohne sie darauf anzusprechen! Der Wahnwitz, von anderen zu erwarten, sie könnten Gedanken lesen („Wenn er mich liebt, dann wüsste er doch …“). Wie viele Missverständnisse und Kränkungen aus Schweigen entstanden sind, wie groß das Aufatmen, wenn’s denn mal einer sagt.

Ich bin jedes Mal, wirklich jedes Mal, dafür belohnt worden, wenn ich all meinen Mut zusammengekratzt habe und etwas Schwieriges, Heikles, scheinbar Unaussprechliches ausgesprochen habe. Probleme wachsen im Dunkeln. Sie zu benennen ist, als ob man einen Lichtstrahl auf sie richtet, der sie plötzlich gar nicht mehr so überwältigend erscheinen lässt. Natürlich kann man sich auch mit Worten missverstehen, aber durch Schweigen noch viel mehr. Taten sagen mehr als Worte, heißt es ja immer. Doch meistens besteht die Tat darin, überhaupt das Wort zu ergreifen. Ich finde dich interessant. Ich traue mir diesen Job zu. Hier stimmt was nicht. Wir müssen etwas dagegen tun. Reden hilft. Wollte ich nur mal gesagt haben.

Zum Weiterlesen:

Folge 1

Folge 2

Folge 3

Folge 4

Folge 5