Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Blick aufs Meer

Manche gehen in die Berge, andere in den Wald, doch wenn es bei unserer Autorin richtig mies läuft, fährt sie ans Meer. Dort sinkt der Blutdruck, das Hirn wird durchgepustet, der Kopf freigespült.

Veröffentlicht am 31.05.2017
Frau blickt aufs Meer.


Wenn es mir mies geht, wenn ich nicht mehr weiter weiß, wenn ich eine wichtige Entscheidung treffen muss, wenn ich mal wieder an allem zweifle – mit anderen Worten: in allen nur denkbaren Lebenskrisen –, fahre ich ans Meer. Ich pflege solche Krisen verlässlich in der Zeit von November bis April zu haben, was nichts mit dem Wetter zu tun hat (oder vielleicht doch?). Ich kenne das Meer also fast nur in seiner schönsten Version – ohne Menschen in Badehosen, ohne Kitesurfer und ohne Kurtaxe. Meist genügt ein Wochenende, an dem ich dick eingepackt endlose vergrübelte Strandwanderungen in Gummistiefeln mache, mir dabei von Herzen leid tue und ein bisschen vor mich hin heule. Was nicht weiter auffällt, ist ja keiner da, und weil der Schneeregen mir sowieso horizontal ins Gesicht peitscht. Am Ende des zweiten Tages habe ich in der Regel meinen Halleluja-Moment – wie vor ein paar Jahren, als ich, frisch von der Liebe meines Lebens verlassen, nach vier Stunden Gewaltmarsch hysterisch lachend in den Sand fiel. Weil plötzlich alles ganz einfach war: Na klar! Ich bin frei! Ich werde für ein paar Monate nach New York ziehen! Das wollte ich schon immer, und jetzt kann ich es!

„Das Meer reinigt uns von allen Krankheiten“, hat Euripides vor gut 2500 Jahren geschrieben und daran hat sich bis heute nichts geändert. Über die Heilkraft des Meeres ist viel geforscht worden. Von der Thalassotherapie über den Einsatz von entspannenden Brandungsgeräuschen bei der Zahnarztbehandlung bis zur Verwendung von Meerwasser in Schnupfensprays ist bekannt, was die Verbindung von Salz und Mineralien, Kälte und Aerosolen alles bewirken kann. Meeresrauschen wird bei Meditation eingesetzt, das gleichmäßige Kommen und Gehen der Wellen entspricht dem des Atems. Am Meer atmet man automatisch langsamer und deshalb tiefer. Der Blutdruck sinkt, der Puls gleich mit, das Hirn wird durchgepustet, der Kopf freigespült.

Aber es ist noch etwas anderes, das mich immer wieder ans Wasser zieht, wenn mir eng ums Herz ist: Es wirkt wie ein Radiergummi auf mich. Ich schaue mir die unendliche Weite an, das große Blau, und weiß, vor mir liegt ein Ozean an Möglichkeiten. Alles geht. Und zwar mehr, als ich mir vorstellen kann. Wie der Philosoph Udo Lindenberg sagt: Hinterm Horizont geht’s weiter. Ich sehe aufs Meer und entdecke das Meer in mir. Die Ruhe, die Kraft, die Freiheit und oft genug auch das Abenteuer.

Ich bin im Norden aufgewachsen, wahrscheinlich ist das Meer deshalb mein Breitbandtherapeutikum. Leute aus dem Süden gehen vielleicht eher in die Berge, andere in den Wald. Ich glaube, jeder hat und braucht eine Seelenlandschaft, eine, die zu ihm spricht. So einen Ort zu haben, an den man jederzeit zurückkann, ob tatsächlich oder in Gedanken, ist unendlich tröstlich. Ein Freund schickte mir neulich den Link www.donothingfor2minutes.com. Es geht nur darum, ruhig vor dem Computer zu sitzen und absolut nichts zu tun, während man für zwei Minuten dem Meeresrauschen zuhört. Wenn man vor Ablauf der Zeit die Maus oder die Tastatur anrührt, beginnt der Countdown von vorn. Zwei Minuten, lächerlich kurz, oder? Nein, unfassbar lang. Denn plötzlich saß ich wieder am Meer und alles war möglich.

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