Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Das Prinzip Fluchtgeld

Dispo überzogen und trotzdem einen Jil-Sander-Mantel gekauft. Meike Winnemuth investiert inzwischen in die eigene Unabhängigkeit und in „Fluchtgeld“ – für alle Fälle.

Veröffentlicht am 19.04.2017
Schwarz-Weiß Bild einer Geldbörse.

Sparen für die Freiheit.


Ich finde, dass jeder Mensch das Recht hat, in bestimmten Bereichen seines Lebens komplett unzurechnungsfähig zu sein. Blöd ist nur, dass das bei den meisten Frauen ausgerechnet das Thema Geld sein muss. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe alle Dämlichkeiten begangen, die man sich in Zusammenhang mit Geld nur ausdenken kann. Keine Planung, keine Übersicht; wenn’s da war, wurde es ausgegeben, wenn nicht, dann auch. Knietief im Dispo und trotzdem einen Jil-Sander-Mantel gekauft (ein Investment! Außerdem hatte ich ihn verdient, ich habe schließlich wie ein Vieh gearbeitet!), in Restaurants immer als Erste nach der Rechnung gegriffen (ich hasste das Gefühl, jemandem was schuldig zu sein), mir die Blumen selbst geschenkt (der unsensible Blödmann!).

Irgendwann habe ich kapiert: Ich kaufe mir keine Sachen, ich finanziere emotionale Bedürfnisse. Meinem Ego habe ich eine obszön teure It-Bag spendiert, die so schwer war, dass ich sie schon leer kaum heben konnte. Ich habe mir Überlegenheit, Trost, Bewunderung, Kontrolle, das Gefühl von Großzügigkeit gekauft. Genau das macht das Thema Geld ja so intim, dass es selbst unter guten Freunden tabu ist, darüber zu reden – es ist mit tiefsten Bedürfnissen und unbewussten Ängsten verbunden. Irgendeine Rechnung hat man immer mit dem Leben offen, irgendein Loch ist immer im Herzen, und da hinein werden die Scheine gestopft. Erst als ich das begriffen hatte – dazu musste ich 40 werden –, fing ich an, mein Geld in etwas zu stecken, das mir wirklich kostbar ist: meine Freiheit.

Ich habe schon mal an anderer Stelle über das Prinzip „Fluchtgeld“ geschrieben, ein Wort, das mir meine Mutter beigebracht hat: eine schwarze Kasse mit einem dicken B drauf, B wie Plan B, B wie Befreiung. Fluchtgeld heißt, zu jeder Zeit im Leben eine Summe weggebunkert zu haben, die einem ein bisschen Luft verschafft, wenn’s ganz schlimm kommen sollte: drei oder vier oder fünf Monatsgehälter auf einem verzinsten Konto, von dem man nur selbst weiß. Eine Lebensversicherung, ein Rettungsboot – hoffentlich braucht man’s nie, aber das Wissen, dass es da ist, bedeutet Unabhängigkeit. Denn es finanziert Unbezahlbares: Leichtigkeit, Unerpressbarkeit – und die entspannte Sicherheit, dass es immer einen Ausweg gibt.

Natürlich gibt es noch andere Gefühle, für die es sich lohnt zu sparen. Welche das sind, muss man für sich selbst herausfinden. Die Geborgenheit einer eigenen Wohnung, die Bewusstseinserweiterung durch Reisen – jeder hat sein persönliches Allerheiligstes, das es zu entdecken gilt. Wenn das gefunden ist, sollte man beginnen, Geld dafür beiseitezuschaffen. Was nie klappt: sparen, was übrig ist. Denn Geld bleibt nie übrig, das ist ein kosmisches Gesetz. Am besten wird eine feste Summe gleich am Monatsanfang per Dauerauftrag vom Konto abgebucht, ähnlich wie die Miete. Methode zwei, die ich seit Jahren praktiziere: Jede 2-Euro-Münze, die ich als Wechselgeld bekomme, wandert sofort in ein goldenes Sparschwein (ich war noch nie sehr subtil); ist es voll, wird’s mit kindischer Freude zur Bank getragen. Geld macht nicht glücklich? Unsinn. Man muss nur herausfinden, worin das eigene Glück besteht.

Zum Weiterlesen: Hier finden Sie Folge 1 und Folge 2.