Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Die Kunst der Improvisation

Wenn das Leben einem Knüppel zwischen die Beine wirft, einfach drüberspringen. Warum es sich lohnt, sich auch mal treiben zu lassen und auf seine Fähigkeiten zu vertrauen.

Veröffentlicht am 26.05.2017
Hand hält Stift.


Wenn ich einen Text schreibe wie diesen hier über die Kunst des Improvisierens (an die ich zutiefst glaube) und ich so gar keine Ahnung habe, was zum Teufel ich eigentlich sagen will. Wenn außerdem jede Hilfe fern (denn ich sitze gerade in einem internetfreien, aber ansonsten wunderschönen Café) und dann auch noch der Druck groß ist (denn eigentlich hätte ich schon gestern abgeben müssen), dann …, dann mache ich in der Regel Folgendes:

1. Atmen. Vergisst man leicht mal.
2. Anfangen. Egal womit. Irgendwas hinschreiben, sich locker machen, sich nicht einschüchtern lassen. Lalelu singen, die Situation als Ausgangspunkt nehmen. Schauen, wo man steht und was man hat.
3. Alles wird gut – das Mantra des Improvisators. Oder wie die Kölner in ihrer Weisheit sagen: Et hätt noch immer jot jejange.
4. Ablenken lassen. Wie bitte? Trotz Ahnungslosigkeit, trotz Zeitdruck? Absolut! Mich hat zum Beispiel gerade die Kellnerin gefragt, was ich da so hektisch tippe. Und ich habe ihr erklärt: was über das Improvisieren. Über die Fähigkeit, aus allem das Beste zu machen. Über das Glück, vom Leben gelegentlich Knüppel zwischen die Beine geworfen zu bekommen und dann einfach drüberzuhüpfen. Über die großen Entdeckungen, die man macht, wenn man so aus der Not vor sich hin improvisiert. Über den Mut zur Lücke. Über den Blödsinn des Perfektionismus. Darüber, dass es fast immer reicht, etwas so gut wie nötig zu machen, nicht besser. Andererseits auch darüber, dass aus dem Improvisieren oft Geniales entsteht und dass es nichts Minderwertiges ist, sondern höchste Kunst und deshalb Musiker, Schauspieler, Köche darauf schwören. Und sogar Wissenschaftler. Mir wird klar: Genau so geht das auch, das Improvisieren. Jemandem erzählen, was man eigentlich tun will – denn in diesem Moment fällt es einem erst ein.

Einer meiner liebsten Texte ist Heinrich von Kleists „Von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“, in dem er schreibt: „Ich glaube, dass mancher große Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wusste, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, dass er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang auf gutes Glück hin zu setzen.“ So schlau! So lässig! Und das schon im Jahr 1805!

5. Aufhören und anderswo weitermachen. Eben war man so schön in Schwung, jetzt kommt man plötzlich ins Stolpern. Wie schreibe ich diesen Text weiter? Keine Ahnung. Auch das muss man wissen: Dinge gehen schief. Menschen machen Fehler. Shit happens. Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Das ist nicht schlimm, sondern befreiend. In so einer Lage was zustande zu bringen ist wunderbar. Wenn die Erwartungen bei null liegen, kann’s keine Enttäuschungen geben. Wenn es klappt, super. Wenn nicht, auch okay. Improvisieren sollte ein Schulfach sein. Es ist eine der wichtigsten Fähigkeiten des Menschen: auf sich selbst zu vertrauen. Et hätt noch immer jot jejange. Immer!

So, und wie kriege ich jetzt diesen Text ohne Internet an die Redaktion geschickt? Ach, dafür findet sich auch noch eine Lösung.