Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Was würde Madonna tun?

Oft geht es gar nicht darum, die beste Entscheidung zu treffen – sondern überhaupt eine. Wie das funktioniert? Mit der WWMT-Methode.

Veröffentlicht am 07.06.2017
Winnemuth Folge 10. Frau mit Schild, das in zwei Richtungen zeigt.


Ich habe die wichtigsten Entscheidungen meines Lebens immer aus dem Bauch heraus getroffen, die zweitwichtigsten mit einem Münzwurf. Und nicht eine davon je bedauert. Im Gegenteil: Immer dann, wenn ich nach ausgiebigem Abwägen von Für und Wider, nach endlosem Listenschreiben, nach Beratungen mit Freunden und Fachleuten zu einem fundierten Entschluss gekommen bin, den ich vor jedem Gremium der Welt hätte rechtfertigen können, lag ich voll daneben. Und musste die so wunderschön verantwortlich getroffene Entscheidung wenig später mit einer flotten Bauchnummer wieder umschmeißen. Ganz besonders verheerend wurde es immer dann, wenn ich etwas aus der Defensive heraus beschlossen habe, auf der Basis von Angst oder Sorge. Ein todsicheres Rezept, um zu scheitern.

Die Würde des Menschen besteht in der Wahl, sagte Max Frisch. Und in der Tat: Nichts brauche ich mehr im Leben als die Gewissheit, dass ich jederzeit anders könnte, wenn ich wollte. Man muss sich ständig klarmachen, wie viele hundert Optionen man in jedem einzelnen Moment hat, im Kleinen (Orangen- oder Himbeermarmelade? Oder doch lieber Fenchelsalami?) wie im Großen. Natürlich ist auch die Entscheidung, einfach nur dasselbe zu machen wie immer – wir nennen es Gewohnheit –, eine Option. Aber sie lässt den Entscheidungsmuskel verkümmern, nicht wenige Menschen haben deshalb ernsthafte Probleme damit, selbst bei banalen Fragen zu Potte zu kommen. Und sind bei wichtigen Lebensentscheidungen wie gelähmt.

Dabei geht es oft gar nicht darum, die bestmögliche Entscheidung zu treffen, sondern überhaupt eine. Damit es weiterläuft. Es gibt Bücher über Entscheidungsstrategien, und viele davon sind sicher auch nützlich: die Variablen begrenzen, also die Faktoren, die eine Entscheidung beeinflussen. Per K.-o.-Verfahren eine Vorauswahl treffen oder treffen lassen, ob durch Freunde oder durch Stiftung Warentest – kein Mensch kann sich ernsthaft zwischen 200 Digitalkameras entscheiden. Abstand gewinnen, indem Sie sich fragen, was eine bewunderte Person an Ihrer Stelle täte (die beliebte WWMT-Methode: Was würde Madonna tun?). Die Sache mit dem Münzewerfen ist übrigens ernst gemeint: Überlassen Sie’s dem Zufall, der ist oft sehr weise. Und wenn Sie enttäuscht vom Ergebnis sind – na ja, dann haben Sie die Entscheidung doch schon längst getroffen.

Den entscheidenden Sprung muss dann aber jeder selbst tun, die Knochen wird man sich dabei schon nicht brechen. Oft sieht man nur das kleine Risiko, nicht aber die große Chance. Was würde im schlimmsten Fall passieren? Normalerweise nichts, was sich nicht reparieren ließe. Jede Entscheidung ist nur ein Schritt auf einem langen Lebensweg, nichts ist für immer, und auch Irrtümer haben ihre Berechtigung. Meist haben sie eine klärende Funktion und sind Bedingung für den nächsten Schritt. Hinterher ergibt alles einen Sinn, versprochen.

Einer meiner ewigen Lieblingssätze stammt von dem Philosophen Søren Kierkegaard: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Dafür muss man aber erst mal losgehen, vorwärts leben. Falsch? Nein. Mut wird immer belohnt