Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Freundschaften pflegen

Männer kommen und gehen, Freundschaften bleiben. Das sollte man sich immer wieder bewusst machen, empfiehlt unsere Autorin.

Veröffentlicht am 28.06.2017
Hund und Katze.


Neulich ging es mir mal kurz nicht so gut, und das blöderweise 11 622 Kilometer von zu Hause entfernt. Gott sei Dank haben meine Freunde ihre Methoden, mich zu retten. K. hielt ihren Laptop aus dem Fenster meiner Wohnung, damit ich per Skype auf den Platz vor meinem Haus gucken konnte, der gerade frisch mit Bäumen bepflanzt worden war. B. mailte ein Foto der schwarzgoldenen Tasse, aus der ich immer Tee trinke, wenn ich sie besuche. Und ich dachte mal wieder: Was für ein Glück! Was für ein Geschenk, zu wissen: Egal, wo ich bin, ich bin nicht allein.

Freundschaft ist, nach meiner Erfahrung, eine bessere Form von Liebe. Eine entspanntere, großzügigere, verlässlichere. Die Basis ist dasselbe Gefühl äußerster Verblüffung: Da kennt mich jemand – und mag mich trotzdem. Aber anders als Beziehungen, die in einem Sperrfeuer neurotischer Erwartungen bestehen müssen (denn ganz ehrlich: Wie soll ein anderer ganz allein und zu jedem Zeitpunkt für mein Lebensglück zuständig sein?), haben Freundschaften eine echte Überlebenschance.

Männer kommen und gehen, Freunde bleiben, weil die gegenseitigen Ansprüche realistischer sind. Keine Exklusivität, keine ständige Verfügbarkeit – und eine größere Bereitschaft, Fehler zu verzeihen, Nachlässigkeiten zu ertragen. Mein Gott, was haben ich und meine Freunde einander schon alles angetan! Und selbst die blödesten Verletzungen werden schnell zu anekdotischer Frotzelei, zu einer weiteren Vokabel im Steno der Vertrautheit. Einer meiner besten Freunde schrieb neulich vom Schlaganfall seines Vaters, ich überlas es irgendwie, bemerkte es erst später und entschuldigte mich bestürzt: „Nenn mich ruhig unsensible Klotze.“ Seitdem nennt er mich gelegentlich Otze, alles ist längst wieder gut.

Aber auch wenn Freundschaften zäher und elastischer sind als Lieben und mit jedem Jahresring dicker und sturmfester werden: Auch diese Bäume müssen gepflegt werden. Der Dünger ist Beharrlichkeit. Eine der Fragen, die wir uns am meisten stellen: „Und wie geht es dir wirklich?“ Zuhören, nachfragen, die erste Antwort nie für die endgültige halten, Pausen richtig deuten, sich im Zweifel dieselbe Geschichte wieder und wieder anhören, ohne gleich Rat zu wissen (und wenn man Rat weiß, die Klappe halten, weil es oft genug nur ums Zuhören geht) – es ist ein Geduldsspiel.

Jemand hat mal gesagt: Man weiß, dass man in einer Beziehung ist, wenn man den anderen hin und wieder an die Wand klatschen will; das gilt für Freundschaften erst recht. Müssen wir noch mal über den Mistkerl reden? Über deinen doofen Boss? Über deine Mutter? Wirklich? Ja. Denn der Deal ist: Ich ertrage deinen Scheiß und du erträgst meinen Scheiß. Du musst dich bei mir nicht zusammenreißen, du musst nicht ständig toll sein, du kannst traurig und schwach und albern und unverschämt und uneinsichtig und verzweifelt sein. Ich halt’s aus.

That’s what friends are for? Quatsch. Freunde müssen gar nichts. Aber sie tun es, ohne Verpflichtung, ohne Lohn, ohne Ehevertrag. Eines der größten Wunder, das wir, wie die meisten Wunder, für völlig selbstverständlich halten.