Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Gesunder Menschenverstand

Jedes banale Alltagsdetail zum Problem machen ist die Zivilisationskrankheit unserer Zeit. Unsere Autorin empfiehlt: auf den gesunden Menschenverstand hören.

Veröffentlicht am 05.07.2017
Frau kramt in Handtasche.


Neulich erreichte mich die Pressemitteilung einer Krankenversicherung. Darin wurde behauptet, dass Frauen durchschnittlich 76 Tage ihres Lebens damit zubrächten, in ihren Handtaschen zu kramen, dass dies Stress verursache und langfristig krank machen könne. Infarkt und Magengeschwüre seien die Folge.

Ich habe ganz kurzfristig einen Wutanfall bekommen – eindeutig Stress. Meine Symptome: Bluthochdruck, Schnappatmung, Würgereflex – und das ganz ohne Zuhilfenahme einer Handtasche. Was mich an solchen Meldungen aufregt, sind gleich mehrere Dinge: zunächst natürlich der frauenverachtende und frauenverarschende Flachsinn, der da verbreitet wird. Irgendeine „Studie“ (Umfrage unter fünf Freundinnen) hat „ergeben“ (Pi mal Daumen), irgendein „Experte“ wird zitiert (ein befreundeter Kardiologe, der sich Werbung für seine Privatklinik erhofft), und schon wurde eine neue Dosis belanglosen Blödkrams in die Welt gepustet. 

Das wäre ja noch zu verkraften, weil es eh meist in der großen Firewall hängen bleibt, die jeder normale Mensch im Lauf seines Lebens hoch und immer höher baut, um sich gegen Nichtigkeiten aller Art zu schützen. Die ungeheure Verschwendung von Zeit und Energie, die dafür draufgeht, Spreu vom Weizen zu trennen und Bullshit von Beachtenswertem (das oft genug im Dauerkrieg um die Aufmerksamkeit auf der Strecke bleibt) – schlimm genug. 

Das Gefühl, sich ständig nur noch gegen alles Mögliche zur Wehr setzen, sich die Welt vom Hals halten zu müssen, um nicht durchzudrehen, macht mittelfristig marode und langfristig taub. Die leisen, klugen, simplen Wahrheiten gehen im Getöse unter, das Wichtige gerät außer Sicht. Allein das könnte mich schon tagelang wüten lassen. Doch dass mittlerweile jedes banale Alltagsdetail sofort zum Problem hochgepeitscht und zur psychischen, wenn nicht physischen Gefahr pathologisiert wird, ist die wahre Zivilisationskrankheit unserer Tage. Stets werden aus Mücken wild gewordene, lebensbedrohliche Elefanten gemacht, die Alarmanlage ist im Dauerbetrieb, die Sirenen kommen gar nicht mehr zum Stillstand. In Handtaschen kramen macht Herzinfarkt! Zu alte Mascara kann verheerende Infektionen auslösen! Herrgott noch mal, ein Wunder, dass wir alle älter als 30 werden.

Traurige Wahrheit: Vor allem Frauen sind für solche Meldungen empfänglich. Vielleicht liegt es an ihrer erhöhten Aufnahmekapazität, dass sie viele leere Info-Kalorien aufnehmen und sich von Nebensächlichem aufhalten lassen. Im Amerikanischen heißt es Don’t sweat the small stuff, müh dich nicht mit Kleinkram ab. Aber oft ist es bequemer, sich dem Irrelevanten zu widmen, als die entscheidenden Fragen anzugehen: Was will ich, was macht mich glücklich, wie soll mein Leben aussehen, will ich wirklich diesen Job und wirklich diesen Mann? Also reden wir die großen Sachen klein und die kleinen Sachen groß. Und ein weiterer Tag geht ins Land, an dem wir uns wieder mal mit Mücken aufgehalten haben, statt den Elefanten zu reiten. Und das macht mir wirklich Magengeschwüre.