Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Krisenmanagement

Wieso kommen manche Leute heil durch Katastrophen, während andere schon bei den kleinsten Krisen zusammenbrechen? Unsere Autorin weiß: Vieles muss man manchmal einfach aushalten. Aber auch miese Zeiten gehen vorbei.

Veröffentlicht am 19.07.2017
Träne rollt über Gesicht.


Ich trage keinen Schmuck, er macht mich nervös. Nur einen einzigen Ring habe ich, am Zeigefinger. Dort, wo ich ihn immer spüre. Einen schmalen Silberring, in den eingraviert ist: „This too will pass“, auch dies geht vorbei. Ich habe ihn mir vor ein paar Jahren gekauft, als ich zu Tode verzweifelt war, als es mir über Monate hundeelend ging. Der Ring war mir Trost, Durchhalteparole, Hoffnungsschimmer. „Everything is okay in the end“, sagte mir meine amerikanische Freundin Ruth damals immer, „and if it’s not okay, it not’s the end.“ Natürlich konnte ich es nicht glauben, das kann niemand in so einer Lage. Es tat einfach zu weh.

Solche Phasen hat jeder früher oder später, keiner kommt ungeschoren davon. Trennung, Krankheit, Unglück, Tod, alles unvermeidlich, und auf die Frage „Warum ich?“ gibt es nur eine Antwort, nämlich die Gegenfrage „Warum nicht du?“. Wieso sollte man der einzige Mensch sein, der leidensfrei durchs Leben geht? Nur eine Wahl bleibt: wie man mit solchen Krisen umgeht.

Wieso kommen einige Leute heil durch größte Katastrophen, während andere schon bei geringstem Ungemach zusammenbrechen? Das ist Thema der Resilienzforschung. Resiliente Menschen – psychisch Widerstandsfähige mit intaktem emotionalem Immunsystem – entwickeln alle ähnliche Strategien: Sie nehmen die Krise ernst, aber betrachten sie als Ausnahmesituation. Sie identifizieren sich nicht mit der Opferrolle, halten sich nicht mit Selbstzerfleischung auf, sondern suchen nach Auswegen. Und sie holen sich Hilfe. Sie sind, sagen Therapeuten, wie Boxer, die angezählt wurden und daraufhin eine neue Taktik wählen: Wer seinen Stil nicht ändert, geht wieder zu Boden.

Mir hat es damals geholfen, die Dinge aufzuschreiben. Sie auf Papier zu bringen, damit greifbar zu machen, beherrschbar. Nach einigen Wochen merkte ich: Meine Gefühle ziehen durch mich hindurch wie Sturmfronten. Irgendwann gab es erste Sonnentage, ich war klug genug, auch die aufzuschreiben. Und ich hatte Geduld mit mir. Oft liegt das Ende des Tunnels so weit entfernt, dass Licht nicht mal zu erahnen ist.

Einiges braucht Zeit, manches muss man einfach aushalten. Einen Tag überstehen und dann noch einen. Ergeben sein, still werden, sich nicht länger aufbäumen. Selbst das größte Unglück ist keine verlorene Zeit. Nie habe ich mehr gelernt als in diesen Monaten. Dazwischen spielte ich mit meinem Ring und sagte mir: Es bleibt nicht so. Es wird besser.

Es hilft natürlich, schon öfter die Erfahrung gemacht zu haben, dass sich das Ende der Welt häufig als der Anfang einer neuen entpuppt. Aus Verzweiflung wächst Mut; wenn man nichts mehr zu verlieren hat, kann man alles gewinnen. Ich ging damals für ein paar Monate nach New York, eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens. Ich nahm einen Job an, den ich mir zuvor nicht zugetraut hätte. Ich wurde kräftiger. „Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt“, wie Albert Camus schrieb. Heute trage ich meinen Ring als Trost in schwierigen Zeiten und als Mahnung, glückliche Tage zu nutzen und zu genießen. Eines Tages kommt die nächste Sturmfront und ich bin gerüstet.