Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Loslassen

Abschiede tun weh und sorgen dafür, dass man sein bisheriges Leben in Frage stellt. Auf der anderen Seite: Nur so kann es auch eine Chance für Veränderung, Entwicklung und Neuanfänge geben.

Veröffentlicht am 26.07.2017
Frau lässt Luftballon los.

Fällt nicht immer leicht: Loslassen.


Wenn etwas in meinem Leben endet, ist es zunächst immer ein kleiner Schock. Der erste Instinkt ist Protest. Och nö! Noch nicht! Nicht jetzt! Wie ein Kind, das nicht ins Bett mag, das nicht einsehen will, dass dieser Tag zu Ende ist. Das Leben sagt dann jedes Mal mit fester, geduldiger Stimme: Doch. Jetzt. Und ich murre noch ein bisschen und füge mich dann.

Beides ist gut, das Murren (denn wenn ich jubeln würde, hieße das ja, dass ich zuvor meine Zeit verschwendet hätte), aber mehr noch, dass jemand sagt: Schluss jetzt, es reicht. Nur so kommt Neues in mein Leben, nur so geschieht Veränderung und Entwicklung. Natürlich ist jeder Abschied schmerzhaft, das soll er ja auch sein. Die großen Abschiede – von einer Liebe, einem Menschen, einem Job, einem Selbstbild – tun am meisten weh und sorgen oft genug dafür, dass man alles, wirklich alles, infrage stellt. Jedes Ende knipst die große Saalbeleuchtung an und wirft ein gleißendes Licht auf das, was war. Vielleicht wird einem erst in diesem Moment richtig klar, was man verliert.

Vielleicht reibt man sich erstaunt die Augen, guckt sich seit Jahren zum ersten Mal richtig um und fragt sich: Wo bin ich hier eigentlich? Aber auch die kleinen Abschiede sind immer Momente des Innehaltens und genauen Hinschauens. Wie war das für mich, was habe ich gelernt, wofür kann ich dankbar sein? Selten nimmt man sein Leben so genau unter die Lupe wie in den Momenten, wo einem jemand sagt: Es ist vorbei.

Und jetzt? Diese Frage habe ich mir früher immer mit Angst in der Stimme gestellt. Inzwischen überwiegen andere Gefühle: Neugier und Vorfreude. Wenn man alt genug ist, hat man nämlich das alte Klischee wirklich verstanden, weil oft genug erlebt: Jedes Ende ist ein Anfang. Das Loch, das sich auf einmal auftut (ob groß oder klein), das Vakuum an der Stelle, wo eben noch was war, entwickelt eine ungeheure Sogkraft. Es will gefüllt werden – und es füllt sich, beinahe magisch, jedes Mal wieder.

Ungefähr beim zwanzigsten Durchgang (wie gesagt: Älter werden hilft!) bekommt man ein Urvertrauen in die Welt, das nichts mit Naivität oder Tollkühnheit zu tun hat. Sondern mit dem beruhigenden Wissen: Es geht weiter. Und bevor es das tut, gibt es dieses kleine, feine Vibrieren. Wenn man noch gar nicht weiß, was da kommt; nur, dass da was kommt. Und sich fragt, welche Überraschung das Leben wohl jetzt aus dem Sack holen wird.

Ich bin im Lauf der Jahre ziemlich gut darin geworden, Anfängerin zu sein. Denn das hört ja nie auf: Man wird bis zum Lebensende irgendwas zum ersten Mal machen – fremde Orte betreten, unbekannte Menschen treffen, weitere Aufgaben erhalten. Man hat immer wieder neue Wege vor sich. Und oft wirken die ersten Schritte quasi ins Nichts hinein wie die im dritten Teil von „Indiana Jones”, wo Harrison Ford mit Gottvertrauen in einen Abgrund tritt und unter ihm ein fester Weg wächst (die peinlichsten Filmszenen haben immer die besten Lehren!).

Letztlich ist es eine ganz einfache Sache, das Loslassen. Du machst die Hand auf und schon ist sie dazu bereit, Neues aufzunehmen.