Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Nett wie die New Yorker

Das Loben der anderen ist hierzulande (leider) noch wenig verbreitet. Meike Winnemuth über Komplimente und warum es gut tut, mit einem freundlichen Blick auf die Welt zu sehen.

Schwarz-Weiß Bild der Brooklyn Bridge.

You look great, honey! Die New Yorker sind Meister des Komplimente-Verteilens.


Ach, es ist so verdammt einfach, die Welt blöd zu finden. Die Bahn hat schon wieder Verspätung, der Kaffee ist absurd teuer. Und was hat der Typ bloß für ein unmögliches Hemd an! Es gibt nicht wenige Leute, die sich glücklich jeden Tag versauen, indem sie diese schmaläugigen Blicke auf ihre Umwelt werfen, auf der Lauer nach Dingen, die sie ärgern könnten. Das Wetter, die Politiker, das plärrende Kind – nervig. Wir leben in einer Kritikgesellschaft. Bereits in der Schule geht’s darum, Fehler anzustreichen: Nicht das Gelingen wird belohnt, sondern das Scheitern bestraft. Läuft was gut, scheint das nicht der Rede wert. Oder wie der Psychiater Fritz Simon sagt: „Nicht geschimpft ist gelobt genug.“

Dass es auch anders geht, habe ich gelernt, als ich für ein paar Monate nach Brooklyn zog. Die New Yorker sind Meister der Komplimente im Vorübergehen. „Great pedicure, honey“, sagt eine Frau beim Blick auf meine Füße und ist schon um die nächste Ecke verschwunden. „Excellent choice“, meint der Buchhändler, wenn ich ihm den neuen Ian McEwan auf den Kassentisch lege. Dieses dauernde wohlwollende Kommentieren war für mich zuerst ein Schock, die klassisch deutsche Reaktion ein misstrauisches „Was wollen die von mir?“ Antwort: nichts. Die sagen nur, was ihnen gefällt. Und das macht allen gute Laune: Die, denen was Schönes auffällt, freuen sich, die, denen es gesagt wird, noch viel mehr. Hier dagegen hat Lob den Beigeschmack manipulativer Unehrlichkeit. Es scheint lediglich Mittel zum Zweck zu sein und grundsätzlich nur von oben nach unten zu erfolgen. In Ratgebern für Eltern und Führungskräfte wird der korrekte Einsatz von Lob zur Leistungssteigerung, zur „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ (Managementtrainer sprechen vom Milka-Effekt: Glückliche Kühe geben mehr Milch…) oder als pädagogisches Instrument gelehrt: Bitte die Leistung, nicht die Person loben und immer hübsch angemessen. Das Ganze läuft gern unter dem seelenlosen Begriff „Feedback“. Kein Wunder, dass wir ein verkrampftes Verhältnis zum Lob haben – und dass der Frust über fehlende Anerkennung hier gut doppelt so groß ist wie im europäischen Durchschnitt.

Seit Brooklyn habe ich mir angewöhnt, alles Schöne und Gelungene zu kommentieren. Dafür gibt es täglich hundert Gelegenheiten. Einer Supermarktkassiererin sage ich: „Unglaublich, wie schnell Sie sind“, einer Frau im Café, was für tolle Schuhe sie trägt, einem Mann im Vorgarten, wie schön seine Rosen sind. Viele reagieren verunsichert, einige fühlen sich fast belästigt, aber die Mehrheit freut sich einfach, so wie ich. Denn erst mit freundlichem Blick auf die Welt stellt man fest, wie großartig sie ist, wie viel täglich klappt, wie schön das Leben in all seinen Kleinigkeiten ist. Das bedeutet nicht, dass ich ständig mit seligem Lächeln durch die Straßen hüpfe. Bitte! Ich bin Norddeutsche! Wir hüpfen aus Prinzip nicht. Aber das genaue Hinschauen (und das tollkühne Aussprechen, wenn man sich über etwas freut) sorgt für ein flauschiges Gefühl der Zufriedenheit, das sonst auf legalem Weg nur schwer zu erreichen ist. Müssen Sie mal probieren. Und: Danke, dass Sie bis hierher gelesen haben. Leserinnen wie Sie kann man sich nur wünschen.

Folge 1 finden Sie hier.


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