Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Pilzrisotto geht immer

Wir sind alle vielbeschäftigt und im Haushalt nicht immer die Helden. Meike Winnemuth erklärt, warum es sich dennoch lohnt, die Schürze umzubinden und mindestens ein Standardgericht zu beherrschen.

Veröffentlicht am 26.04.2017
Gemeinsames Anstoßen und Essen.

Essen erhält die Freundschaft 


Seit 15 oder 16 Jahren mache ich Ende November ein Thanksgiving-Dinner mit allen Schikanen. Über die Jahre ist der Truthahn größer geworden, der Tisch voller, die Nacht länger, der Kopf am nächsten Morgen dicker. Es kommen stets dieselben alten Freunde, aber oft auch der eine oder andere Neuzugang, eine mitgebrachte Kurzzeitliebe, ein Nachbar, wer immer halt an die Tafel geschwemmt wird oder gerade in der Stadt ist. In meiner Wohnung gibt es 16 Stühle, wenn man Schreibtischstuhl und Klavierhocker mitzählt, und so viele Leute kriege ich locker satt. Mehr als satt. Pappsatt. Glücklich. Sie schwören, nie wieder was zu essen, vor allem nie wieder was von meiner Chocolate Nemesis (700 Gramm Zartbitterschokolade, 10 Eier, 600 Gramm Zucker, 200 Gramm Butter, das war schon alles), aber ein Averna auf Eis, der würde schon noch reinpassen. Oder ein Birnenbrand.

Dieses Essen ist für mich inzwischen ein Ritual, die Vorbereitung aber fast noch mehr. Eineinhalb Tage in der Küche zu stehen, gemütlich eine Beilage nach der anderen zu kochen und zwischendrin bis zum Ellenbogen in einem 22-Pfund-Truthahn zu stecken, finde ich so ziemlich das Befriedigendste, was ich mir vorstellen kann. Ich brauche keine Rezepte, ich kaufe auf dem Wochenmarkt alles, was gut aussieht, und ab da kocht es sich quasi von selbst. Oh, da sind ja noch Granatapfelkerne: Die sollten eigentlich in die Füllung, jetzt kommen sie halt auf den Salat. Und den Sternanis könnte man doch mal ein bisschen in Balsamico erwärmen und ziehen lassen und dann vielleicht… Alles findet sich. Und spätnachmittags kommt irgendeiner vorbei und hilft mir beim Kartoffelschälen und beim ersten Glas Wein. Ich glaube, dass jeder so ein Essen draufhaben sollte, auf das Verlass ist. Eines, das man blind beherrscht und das seinen Platz im Kalender hat. Ein Münchner Freund macht an jedem 13. des Monats Spaghetti arrabiata für alle, die vorbeikommen. Die Sauce kocht er in gigantischen Mengen vor und friert sie ein, es ist immer genug da; wenn ein paar Leute mehr kommen, wird einfach der nächste Topf Nudeln aufgesetzt. Es ist großartig, es ist stressfrei – und es ist genau die Art, wie man Essen behandeln sollte: als verdammt guten Anlass, sich mal wieder an einen Tisch zu setzen und zu reden. Und dabei neue Leute kennenzulernen oder alte Freunde neu zu erleben. Das ginge bestimmt auch so, mit Tellern und Gläsern geht es aber leichter.

Was ein Essen zu einem guten Essen macht: Es ist zwar Anlass, aber auch Nebensache. Kein Gedöns, keine Angebereien. Ich halte es für eine zivilisatorische Grundtugend, jederzeit fünf unangekündigte Leute füttern zu können mit dem, was im Schrank ist. Meiner ist entsprechend gefüllt: Risotto mit getrockneten Steinpilzen, Wodka-Spaghetti (ideal bei Liebeskummer) oder ein Berg Kartoffelpüree mit Merguez und Balsamicozwiebeln – das geht immer, aus dem Stand. Und schlägt jeden Lieferservice. „So, du setzt dich jetzt an den Küchentisch und machst den Wein auf“, sage ich in solchen Fällen – und dann den tröstlichsten Satz der Welt: „Ich koch uns jetzt mal was.“

Zum Weiterlesen: Hier finden Sie Folge 1Folge 2 und Folge 3.