Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Tut gut

Was man davon hat, wenn man Wildfremden uneigennützig etwas Gutes tut? Ein Nicken hier und ein Lächeln dort, zwischen Menschen, die sich diesen ollen kleinen Planeten teilen.

Veröffentlicht am 21.06.2017
Hand mit Geschenk.


„Und was haste davon?“ – „Nichts“, sage ich. Pause. „Aber warum tust du das denn?“ – „Nur so. Macht mir Spaß.“ Noch eine Pause. Dann grinst er. „Bescheuert.“ Zu seinen Kumpeln: „Die spinnt, die Alte.“ Zu mir: „Aber irgendwie gut.“

Das war vor einem guten halben Jahr, auf dem Parkplatz eines McDonald’s-Drive-in, Samstagnacht gegen halb zwei. Ich hatte einen lustigen Abend mit Freunden gehabt und jetzt war mir nach zwei Portionen Unvernunft auf dem Heimweg: einmal große Pommes (470 Kalorien, so what), einmal mittelgroße Irritation. „Ich zahle für mich und 10 Euro für die Bestellung im Auto hinter mir“, sagte ich beim Bezahlfenster. Die Bedienung zuckte nur mit den Schultern und nahm das Geld. Normalerweise schaffe ich einen sauberen Abgang, bevor mich mein Opfer erwischt, in diesem Fall hielt der Golf kurz vor der Ausfahrt mit quietschenden Reifen neben mir. Der Rest: siehe oben. Danach fuhren alle Beteiligten gut gelaunt davon.

Tja, was habe ich davon, Wildfremden etwas Gutes zu tun? In den meisten Fällen ist es ganz normales Benehmen, finde ich. Anderen die Tür aufhalten, etwas aufheben, das jemandem heruntergefallen ist (da mache ich übrigens keinen Unterschied zwischen einer Oma und einem 21-Jährigen), Autos reinlassen, auch wenn man selbst Vorfahrt hat – das gehört sich einfach. Man passt halt ein bisschen aufeinander auf und produziert im Vorbeigehen ein wenig Schmiermittel, um die Welt am Laufen zu halten. Ein Nicken, ein Lächeln: die feinen Fäden der Verbundenheit zwischen Leuten, die sich diesen ollen kleinen Planeten teilen.

Aber selbstverständlich habe ich was davon, eine Menge sogar, und das bei minimalstem Aufwand. Ich schiebe zum Beispiel wöchentlich zwei Stunden Schicht im „Raum der Stille“ des Hamburger Hauptbahnhofs. Keine große Sache: Ich kann dort lesen, das täte ich auch zu Hause; es ist also überhaupt kein Einsatz im Vergleich zu anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten, ohne die unser Sozialsystem längst zusammengebrochen wäre. Aber was ich schon für tolle Leute getroffen habe! Ob Kollegen oder Kundschaft: Sie bereichern mein Leben auf unbezahlbare Weise.

Sonderlich originell ist die Erkenntnis natürlich nicht. Die Glücksforschung weiß schon lange, dass Verbundensein und Verbindlichkeit um Längen glücklicher machen als jeder Besitz. Schenken ist schöner, als beschenkt zu werden, es glüht einfach länger nach. Dafür muss man aber kein Heiliger werden, im Gegenteil. Richtig lustig wird es immer dann, wenn man sich den Kick auf kindische Weise ganz anonym verschafft.

In den USA wurde schon vor Jahren die schöne Idee der random acts of kindness geboren: Freundlichkeit per Zufallsprinzip. Also einem Fremden Blumen unter den Scheibenwischer klemmen oder eine Tafel Schokolade in den Briefkasten werfen – einfach so. Aus Freude, jemandem eine Freude zu machen. Oder meinetwegen auch aus diebischem Vergnügen daran, dessen Welt kurz ins Wackeln zu bringen mit etwas so Unerklärlichem wie völlig willkürlicher Nettigkeit.