Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Wissen macht „Ach, so“

Wahnsinn, was für banale Dinge man oft jahrelang falsch macht, ohne es zu ahnen. Meike Winnemuth über späte Aha-Momente und Überlebensstrategien.

Veröffentlicht am 05.04.2017
Schwarz-Weiß-Bild von einem Paar Chucks.

Schnürsenkelbinden macht man automatisch. Oft auch automatisch falsch.


Mit 48 habe ich gelernt, meine Schnürsenkel zu binden. Das kann man zu Recht ein bisschen spät finden, aber zu meiner Entschuldigung möchte ich anbringen, dass ich 45 Jahre lang glaubte, es schon zu können, auch wenn meine Schnürsenkel immer wieder mal aufgingen. Ärgerlich, aber normal, dachte ich. Bis mir ein Segler erklärte, ich müsse nur beim ersten Knoten die Richtung ändern, mit der ich die Senkel umeinanderschlinge – er sprach vom „doppelt auf Slip gelegten Kreuzknoten“ –, und ich hätte eine bombenfeste Schleife. Es war ein Schock: Jahrzehnte hatte ich es falsch gemacht, ohne die geringste Ahnung, dass es überhaupt anders ginge – und dann, bumm, eine winzige Veränderung, die schlagartig alles verbessert. Ich war so entzückt, dass ich wochenlang jedem, der mir begegnete, das Schuhezubinden beibrachte. (Wo wir schon dabei sind: Mal kurz einen Blick nach unten werfen. Hängen die Schlaufen brav links und rechts vom Schuh: Prima, Sie machen alles richtig und dürfen sofort weiterlesen. Zeigen die Schlaufen eher nach vorn und hinten: www.fieggen.com. Danach dürfen Sie wieder zu uns stoßen, erleuchtet. Bitte schön, gern geschehen.)

Jeder hat solche Schuppen-von-den-Augen-Momente. Eine blitzgescheite Kollegin hat jahrelang ihre Fusselrolle nach einmaligem Gebrauch weggeworfen, bis sie merkte, dass man das zugefusselte Klebepapier auch ablösen kann. Aber wenn es einem doch keiner sagt! Und wie soll man denn auch die hunderttausend Dinge beherrschen, die einem die Welt ständig vor die Füße wirft – die Handytarife, Wimpernzangen, Bauchmuskelübungen, Hypotheken-Konditionen? Also stümpern wir uns alle nach bestem Wissen und Gewissen durchs Leben und werden irgendwann Geschöpfe unserer Gewohnheiten und nie angezweifelten Selbstverständlichkeiten. Nur ab und an wird man mal draufgestupst, dass es auch anders ginge, nämlich besser, und dass die tiefsten Überzeugungen oft die wackligsten sind.

So hätte ich eine Million bei Jauch darauf gewettet, dass es „brilliant“ heißt und „die Osterinseln“ und „Canale Grande“, ja was denn sonst? Nein: brillant, Osterinsel (es ist nur eine), Canal Grande. Zum Verrücktwerden. Schlimmer ist aber, dass einem die allerwichtigsten Dinge wirklich niemand sagt. Die lernt man nicht in der Schule und in keinem Handbuch, sondern durch Erfahrung – oder vielleicht auch nie. Wie man liebt, wie man mit Geld umgeht und wie mit Wut, wie man anderen nahe ist und sich selbst treu, wie das Leben aufregend bleibt und wie man trauert, wie man verzeiht und was das überhaupt alles soll hier – darauf muss man mühsam selbst kommen. Und darüber können schon mal 50 Jahre ins Land gehen, in denen man es manchmal glaubt zu wissen und einem dann doch nur wieder die Schnürsenkel aufgehen.

Ich weiß, wovon ich rede, denn genauso habe ich es auch immer gemacht: trial and error, Versuch und Irrtum und neuer Versuch und besserer Irrtum. Immerhin sind ein paar Erkenntnisse hängen geblieben, um die es ab sofort in dieser Kolumne gehen soll. Eine Art Best of an Erfahrungen und Überlebensstrategien – eben all das, was bei mir funktioniert hat. Vielleicht verraten Sie mir Ihre Methoden, und am Ende hätten wir ein unschlagbares Handbuch mit dem Arbeitstitel „Leben für Fortgeschrittene“ zusammengestümpert. Wäre das nicht brilliant, pardon, brillant.