Frag Frieda: Depression

Meine depressive Schwester

Der Umgang mit psychischen Krankheiten ist immer schwierig. Vor allem aber, wenn die Ursache dafür ein Ereignis zu sein scheint, das plötzlich auch das eigene Leben betrifft.

Veröffentlicht am 04.10.2017
Frag Frieda.


Seit Jahren unterstütze ich meine depressive Schwester. Bei einem neuen Therapeuten kam raus, sie sei in der Kindheit missbraucht worden. Sie will mir partout nicht sagen, wer es war.

Extrem schwierig. Plötzlich wirkt die Kindheit wie eine optische Täuschung: In jedem, der Sie beim Aufwachsen begleitet hat, vermuten Sie plötzlich einen potenziellen Pädophilen. Dass Sie wissen wollen, wer der Täter war, ist verständlich. Es scheint, als hätten Sie ein Recht darauf, es zu erfahren, schließlich sind sie zusammen aufgewachsen. Aber die Vergangenheit, die Sie beschäftigt, ist nicht Ihre, sondern die einer depressiven Frau. Die Realität Ihrer Schwester – die Sie akzeptieren sollten – und Ihre eigene unterscheiden sich. Nach so vielen Jahren wissen Sie das natürlich. Daran ändert auch der Verdacht des sexuellen Missbrauchs nichts. Er wiegt so schwer wie kein anderer und hat schon viele Biografien umgeschrieben. So individuell wie unser Auge das, was es sieht, filtert und sortiert, so subjektiv sind auch unsere Empfindungen und Erinnerungen. Depressive haben einen besonders negativen Blick auf sich und ihr Umfeld. Ärzte raten deshalb, dass sie in diesen Phasen zum Beispiel nichts Wichtiges entscheiden sollten. Das betrifft auch Sie als Angehörige: Indem Sie nach dem Täter fragen, lassen Sie es zu, dass die Aussage einer psychisch Erkrankten Ihr Leben bestimmt und womöglich verändert. Gehen Sie deshalb auf Abstand. Sich jetzt abzugrenzen ist eine große Herausforderung, ich weiß. Aber auch Sie befinden sich in einer schwierigen Situation und sollten sich professionelle Hilfe holen, um sich zu schützen. Die Beziehung zu Ihrer Schwester kostet Sie Kraft. Wenn Sie ihr weiterhin zur Seite stehen möchten, sollten Sie auf sich achten.

Wenn Sie ebenfalls ein Thema haben, das Sie umtreibt – mailen Sie an: fragfrieda@myself.de.