Meike Winnemuth: Leben für Fortgeschrittene

Vergeben und vergessen

Wut, Enttäuschung, Mordgelüste – kennt jeder. Doch damit vergiftet man nur sich selbst, sagt unsere Autorin. Ihr Karma-Booster: Vergebung.

Veröffentlicht am 17.05.2017
Frau mit Papier.


Früher war ich Arschlöchern böse. Nicht lange, aber heftig. Dann hörte ich irgendwann mal was von Karma und sagte deshalb immer, wenn ich wieder böse wurde, entspannt: „Man muss nur lang genug am Ufer eines Flusses sitzen, und die Leichen deiner Feinde treiben vorbei.“ (Was übrigens wahr ist – wenn auch nicht nett.) Jetzt bin ich noch ein bisschen weiser und habe die beste Methode entdeckt, wie man korrekt mit Arschlöchern umgeht: Man verzeiht ihnen.

Was in mich gefahren ist? Moralische Reife? Christliche Milde? Nichts dergleichen, sondern reiner Egoismus. Ich habe nämlich eines verstanden: Vergeben und Vergessen sind wahnsinnig gut für den Blutdruck, für den Teint und, meinetwegen, auch für den Seelenfrieden. Die Sache ist die: Verletzungen, Kränkungen, Enttäuschungen, die tief und mit Widerhaken in den Eingeweiden sitzen (in der Galle oder welches Organ auch immer dafür abkommandiert ist), sind Giftkraftwerke. Das Gift zirkuliert durch die Adern, es macht das Herz eng und den Geist klein, es verätzt das ganze Leben. Es hinterlässt Zornesfalten und einen bitteren Mund. Man muss sich diesen Giftstachel aus der Galle rupfen, sonst wird man seines Lebens nicht mehr froh. Man bestraft sich nur selbst, man sitzt gefangen im Knast der miesen Gefühle, die man mit sich herumschleppt.

Zorn ist ein so wahnsinnig sinnloses Gefühl. Man selbst ist derjenige, der darunter leidet, nicht der Verursacher, der bekommt das oft nicht mal mit. Was für eine absurde Vorstellung also, jemanden bestrafen zu wollen, indem man ihm nicht verzeiht. Man tut sich nur selbst weh, indem man das Messer wieder und wieder in der alten Wunde umdreht.

Im Grunde ist es doch eine relativ einfache Entscheidung: Lebt es sich besser mit Schmerz und Groll im Leib – oder fühlt man sich versöhnt und emotional befreit nicht doch besser? Das Leben ist zu kurz, um es sich von anderen Menschen auf Dauer versauen zu lassen. Niemand soll so viel Macht über mich haben, dass er mir meine Gefühle diktiert, schon gar nicht Arschlöcher. Mit anderen Worten: Das Gift muss raus.

Das ist anstrengend, denn man muss sich noch mal sehr intensiv mit der Verletzung auseinandersetzen. (Wir reden hier nicht darüber, dass einem der Parkplatz weggeschnappt wurde.) Es hilft, alles aufzuschreiben, am besten in Form eines tränenreichen bis wutschnaubenden Briefes. Bloß nicht im Mail-Programm, sondern handschriftlich. Halten Sie sich nicht zurück! Geben Sie es dem anderen so richtig, in allen noch so lächerlichen Details. Papier ist geduldig. Brief fertig? Jetzt bloß nicht den Fehler machen, das Ding abzuschicken. Stattdessen je nach Geschmack zerreißen oder verbrennen oder ein Schiffchen daraus falten und es den Fluss runterfahren lassen. Auf jeden Fall: sich bewusst verabschieden. Strich drunter, Schwamm drüber. Ausatmen. Weiterleben.

Vergeben bedeutet nicht, alles, was einem angetan wird, zu dulden oder zu billigen, ganz und gar nicht. Es geht darum, seinen Frieden zu machen, aus der Faust wieder eine Hand werden zu lassen, die bereit ist für Neues. Vergebung befreit. Und: Wer vergibt, dem wird vergeben. Karma. Wirklich eine praktische Sache.