Menstruation

Blutsschwestern

Das Thema Menstruation wird nach wie vor verschämt weggedrückt. Dabei gibt es eine Menge zu lernen, wie feministische Debatten und neue Ratgeber zeigen.

Veröffentlicht am 03.07.2017
Synchronschwimmerinnen „The Clams”.

Bloody good! Die Synchronschwimmerinnen „The Clams” zeigen die Menstruation als Wasserballett.


Der erste Tampon? Eine Sensation. Mit seinem Baumwollstopfen, der unzuverlässige Einlagen überflüssig machte, schenkte der amerikanische Arzt Earle Haas Frauen im Jahr 1929 eine neue Freiheit. Und heute? Fragt man Frauen wie die New Yorker Unternehmerinnen Miki und Radha Agrawal, ist er vor allem eines: ein Grund zum Protest. Es sei ein „Skandal“, dass man sich mit einer fast hundert Jahre alten Erfindung zufriedengeben soll. „An Smartphones wird permanent getüftelt, aber für Frauenangelegenheiten interessiert sich seit Jahrzehnten niemand mehr.“ Okay, Tampons seien schon eine Errungenschaft – aber auch ein Beweis dafür, dass das Thema Menstruation nach wie vor verschämt weggedrückt würde.

Feministisches Top-Thema

2014 gründeten die 38-jährigen Agrawal-Zwillingsschwestern „Thinx“, ein Label für period-proof panties. Diese Unterwäsche saugt das Blut einfach auf, sie soll sicher und bequem sein. Die Mission: maximale Freiheit und ein entspannter Umgang mit weiblichen Körperfunktionen. Ist der im Jahr 2017 wirklich noch nötig? Offenbar schon. Seit durchgesickert ist, wie wenig unsere Gesellschaft über die Monatsblutung weiß, ist sie zum feministischen Top-Thema geworden.

Obwohl jede Frau im Lauf ihres Lebens rund 456 Monatsblutungen hat und nach Schätzungen der Huffington Post um die 16 000 Euro in Hygieneartikel, Schmerz- und Verhütungsmittel investiert, wird über die Periode nur im Flüsterton debattiert. PMS: ein Schimpfwort. Und wer Tampons kauft, hofft insgeheim auf Kassiererin statt Kassierer – und darauf, dass später bloß keiner aus der Tasche rollt. Woher kommt dieser verklemmte, verdruckste Umgang? Unternehmerin Miki Agrawal glaubt, dass der Ursprung dafür schon vor Jahrtausenden zu finden ist. Bereits in Bibel, Koran und Thora sei die Regel als etwas Unreines beschrieben worden. So stamme das englische Wort taboo vom polynesischen tapu bzw. tupua ab, was nichts anderes als Menstruation bedeutet. Period Shaming hat also Tradition. Und zieht weite Kreise.

Protest durch Free Bleeding

In Indien und Afrika, wo an Aufklärung und Hygieneartikeln ein Mangel herrscht, schützen sich menstruierende Frauen und Mädchen mit Stofffetzen und Pflanzenfasern – und bleiben zu Hause. Aus Furcht vor Ablehnung setzen sie Bildung und finanzielle Unabhängigkeit aufs Spiel. Eine Tatsache, die am anderen Ende der Welt wiederum für Empörung sorgt: „Über 100 Millionen junge Frauen rund um den Globus gehen nicht zur Schule oder Arbeit, weil sie Angst haben, dass jemand Zeuge einer natürlichen Körperfunktion wird“, schrieb die amerikanische Yogalehrerin Stephanie Góngora kürzlich unter ein Instagram-Video, das sie breitbeinig und mit blutbefleckten Leggings zeigt. Ihr Clip wurde mehr als eine halbe Million Mal aufgerufen – und ist bei Weitem nicht das einzige Beispiel dieser Art. On- und offline entscheiden sich immer mehr Frauen für das sogenannte Free Bleeding. Der bewusste Verzicht auf Hygieneartikel soll demonstrieren, dass die Periode nicht nur natürlich, sondern sogar erfreulich ist.

Der Nürnberger Gynäkologe Prof. Dr. Bernd Kleine-Gunk teilt diese Meinung, trotzdem sieht er das öffentliche Blutvergießen kritisch. „Als medienwirksame feministische Kampagne mag Free Bleeding taugen, aber nicht, um jungen Frauen ihre Hemmungen zu nehmen.“ Einfühlsame Aufklärung sei wichtiger als bildstarke Proteste und immer noch Sache von Eltern, Schule und Ärzten. Stattdessen ermutigt er seine Patientinnen, die erste Regel ihrer Töchter, die sogenannte Menarche, mit einem kleinen Fest zu feiern. Hurra statt huch? Was vielleicht merkwürdig klinge, sagt der Arzt, sei im Praxisalltag angekommen. Die Perioden-Party ist tatsächlich im Kommen. Und ein Symbol dafür, dass der Eintritt ins Erwachsenenalter kein Grund zur Trauer ist.     

Menstruation als Wasserballett

Eine andere Möglichkeit: mit Humor an das Thema herangehen. Wie die Unterwasser-Ballettgruppe „The Clams“ (Muscheln) aus Sydney. Die Synchronschwimmerinnen führen ein umjubeltes Menstruations-Stück auf, in dem sie nachspielen, was im Körper abläuft. Die Truppe verspricht eine bloody good time, um den Tagen endlich ihr Stigma zu nehmen.

Auch in der Schweiz regt sich Widerstand: Happy to Bleed  ist der Hashtag, mit dem die Mitglieder von aktivistin.ch einen Gesinnungswandel vorantreiben wollen und Guerilla-Aktionen durchführen. So färbten sie zum Beispiel das Wasser mehrerer Züricher Brunnen rot, um gegen überteuerte Tampons, Binden und Slipeinlagen zu demonstrieren. Im Gegensatz zu den „Thinx“-Gründerinnen stören sie sich nicht an der überschaubaren Auswahl an Damenartikeln, sondern an deren Besteuerung. Gender Pricing suggeriere, dass weibliche Bedürfnisse reiner Luxus seien. Vielleicht auch ein Grund, dass Menstruationstassen (eher ein kleiner Becher) gerade ein Revival feiern. Die vaginal getragenen Auffangbehälter wurden in den 1930er-Jahren erfunden und sind im Vergleich zu Tampons günstig. Die dänische Gründerin Julie Weigaard Kjær ist erfolgreich mit ihen „Ruby Cups“. Für jede verkaufte Tasse aus Silikon erhält ein Mädchen in Ostafrika eine gratis.

Moderner Ratgeber

Und dann ist da noch das Buch von Luisa Stömer, 24, und Eva Wünsch, 25, das gerade für Furore sorgt. Fünf Monate recherchierten die Grafikerinnen für ihre gemeinsame Bachelor-Arbeit „Ebbe & Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus“. Jetzt ist der liebevoll illustrierte Band bei Gräfe und Unzer erschienen. Das eigene Unwissen war der Antrieb der beiden Frauen aus Nürnberg: „Quantenphysik in allen Ehren, aber der Eierstock erbringt wundersame Höchstleistungen, damit sollte man sich auskennen.“

Sie sagen: Die Periode gelte nur als nervige Begleiterscheinung, werde wegbetäubt und aus dem Bewusstsein verbannt. Auf 240 Seiten erklären sie, warum sich in der Gebärmutter in Vorbereitung auf die Schwangerschaft eine Schleimhaut bildet und wieso der Serotoningehalt im Körper bei ausbleibender Befruchtung sinkt, für schlechte Laune, Schmerzen und Heißhungerattacken sorgt und den Ablöseprozess eben jener Schleimhaut in Gang setzt. Dinge, die eigentlich klar sein sollten, es aber nicht sind. Oder zumindet lange nicht waren. 

Der Gynäkologe Bernd Kleine-Gunk glaubt, dass die fortschreitende Enttabuisierung der Periode auch zu mehr weiblicher Selbstbestimmung führt. Seine Beobachtung: Immer mehr Patientinnen würden sich bewusst gegen Nachwuchs entscheiden – und gegen das Menstruieren. Die Dauereinnahme der Pille sei dafür ein Beweis – und ein Gegentrend zum Menstruations-Hype.

Ebbe & Blut von Luisa Stömer und Eva Wünsch.

Die neue Menstruationsbibel von Luisa Stömer und Eva Wünsch, Gräfe und Unze, 24 Euro.


Kurze Geschichte der Menstruations-Helfer

  1. Am Anfang war Papier: Im alten Ägypten nutzten die Frauen während der Periode Papyrusröllchen, in der Mongolei mit Pferdehaar umwickelte Holzstöckchen.

  2. Millionenseller Tampax: Die Geschäftsfrau Gertrude Tendrich machte den Tampon, der 1929 erfunden worden war, ab 1933 in den USA zum Kassenschlager. Seine Name: Tampax.

  3. Ohne Binde – o.b.: Die deutsche Ärztin Judith Esser perfektionierte den Tampon, er bekam das Rückholbändchen. Verkaufsstart: 1950. Erfolg: ungebrochen.

  4. Back to Nature: Heute sind Alternativen zu Tampons im Trend: Menstruationstassen, saugfähige Wäsche, Naturschwämmchen und auswaschbare Binden.