Mirka Federer im Porträt

„Zuerst kommt das Tennis, dann er, dann ich“

Wer sich über die sensationelle Karriere von Tennisprofi Roger Federer wundert, hat seine Frau Mirka noch nicht kennengelernt. Ein Portät.

Veröffentlicht am 09.10.2017

Mirka ist der Quarterback des Familienteams!


Stundenlang sitzt sie da und sieht ihm bei der Arbeit zu. Durchlebt die Phasen des Spiels vom ersten Ballwechsel bis zum letzten. Presst die Hände aneinander, als wolle sie die Götter des Tennis beschwören. Ruft ihm aufmunternde Worte zu und harrt fast unbewegt in praller Sonne aus. Von den fast 1400 Spielen ihres Mannes Roger hat Mirka Federer, 39, wohl die Hälfte miterlebt, und im Moment sieht es nicht so aus, als sei damit bald Schluss. Dieses Jahr gewann er zum achten Mal Wimbledon, das hat noch keiner vor ihm geschafft – und er scheint besser in Form zu sein als je zuvor.

Ihr Anteil daran ist immens; sie ist die Chefin des Hauses und das Kraftzentrum. Mirka kümmert sich um die vier Kinder, die achtjährigen Zwillingsmädchen Myla und Charlene und die dreijährigen Zwillingsjungen Leo und Lenny. Sie organisiert und dirigiert den Betrieb des Weltstars, füllt 15 Koffer und Taschen, wenn der Trupp auf Reisen geht, hält Verbindung zu Sponsoren und sitzt im Rat der Roger Federer Foundation, die sich um Bildungsprojekte in Afrika und in der Schweiz kümmert.

In ihrem ersten Leben heißt sie Miroslava Vavrinec, geboren 1978 in Bojnice, der heutigen Slowakei. Nach der Flucht ihrer Eltern kommt sie mit zwei Jahren in die Schweiz. Mitte der 90er-Jahre ist sie eine der hoffnungsvollsten Tennisspielerinnen des Landes, wird Profi und landet auf Platz 76 der Weltrangliste. Immer wieder wird sie von Verletzungen ausgebremst, dennoch schafft sie es, sich für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney zu qualifizieren. Und am letzten Tag dieser Spiele landet sie gewissermaßen küssend in ihrem zweiten Leben. Der Auserwählte ist drei Jahre jünger, trägt Pferdeschwanz und gilt auch als großes Tennistalent, allerdings weit über die Grenzen der Schweiz hinaus. Roger Federer braucht ein bisschen Trost nach einer Niederlage im Halbfinale und einer weiteren im Spiel um die Bronzemedaille. Nach dem ersten Kuss sagt sie: „Du bist so jung, fast noch ein Baby.“ Sie ist klar und straight, er wirkt ein wenig schüchtern. Aber offenbar weiß er, was er will, nicht nur im Spiel. Jahre später sagt er, als er nach den größten Erfolgen seiner Karriere gefragt wird: „In Sydney hab ich meine Freundin kennengelernt – das war gewissermaßen auch ein Höhepunkt.“

2002 beendet sie ihre Karriere wegen einer Fußverletzung, und in den ersten Monaten fühlt sie sich wie in einem schwarzen Loch. Aber Roger ist für sie da. Sie werden ein gutes, inniges Paar, und in den folgenden Jahren fliegt er von einem Sieg zum nächsten. Mirka übernimmt einen Teil seiner Pressearbeit, koordiniert Termine, die Aufgabe wird immer größer. Wenn er spielt, sitzt sie auf der Tribüne, und obwohl er so gut wie nie zu ihr hinaufschaut, ist es ihm wichtig, ihre Unterstützung zu spüren. Die Rangliste in ihrer Ehe liest sich so: „Zuerst kommt das Tennis“, sagt sie, „dann kommt er, erst dann komme ich irgendwann. Aber dafür habe ich Verständnis.“

Doch ihr Einfluss reicht weit, und sie ist bekannt für ihren Ehrgeiz und ihre Willensstärke. Roger Federer gibt zu, wie sehr sie ihn von Anfang an beeindruckt und angespornt habe. „Mirka war wirklich tough, sie hat mir gezeigt, wie man arbeitet. Wenn ich gesehen habe, wie sie sechs Stunden am Stück trainiert, dachte ich: Das könnte ich nicht.“

Mit ihrer Hilfe findet er das perfekte Maß für die Arbeit und auf diesem Weg schließlich auch das perfekte Spiel. 2008 zieht sie sich aus der Pressearbeit zurück und beschließt, selbst keine Interviews mehr zu geben. Was nicht heißt, dass sie immer den Mund hielte, nicht mal, wenn er spielt. Einmal irritiert sie seinen Gegner während einer Partie und ruft laut „Crybaby“ (Heulsuse), was einigen Wirbel auslöst, weil der Gegner ausgerechnet ein Landsmann ist, Stan Wawrinka.

Die Federers zu Gast bei Pippa Middletons Hochzeit. Mirka mit Schwiegermutter Lynette und den Kindern.


Am 11. April 2009 heiraten Mirka Vavrinec und Roger Federer in Basel. Sie trägt ein Kleid von Oscar de la Renta, in dem genug Platz für einen Babybauch ist, in seinen Augen glänzen Tränen. Drei Monate später kommen Myla und Charlene zur Welt. Schnell wird klar, dass die Kinder mit auf Tour gehen werden, das wollen beide Eltern so. Ein Kindermädchen wird ins Team integriert, gelegentlich sind die Großeltern mit an Bord, und zusammen schaffen sie es, das Familienleben in dieser phänomenalen Karriere unterzubringen. Im Mai 2014 kommen Leo und Lenny dazu, wieder Zwillinge, was die Welt des Tennis scherzen lässt, Federer erledige offenbar auch im Privaten die schwierigsten Dinge mit leichter Hand. Eine zweite Nanny wird engagiert, und sie ist, Fun Fact, die Zwillingsschwester der ersten.

Aber nichts geht ohne Mirka. Roger Federer beschreibt seine Frau kürzlich im Interview mit dem Stern als Quarterback des ganzen Familienteams. Mit anderen Worten: Niemand ist wichtiger als sie. Ohne ihre Bereitschaft, mit der Familie durch die Welt zu tingeln, bei 35 Grad auf der Tribüne zu schmoren und immer wieder mit ihm zu zittern, wäre Schluss mit Tennis. „Wenn sie sagen würde: ,Ich will nicht mehr unterwegs sein‘, dann würde ich antworten: ,Okay, das war’s mit meiner Karriere.‘ So einfach ist das.“